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Tagebücher572
kendorf, einer kleinen schwarzen, mir unangenehmen, Witwe, mit Wilhelm
lichnowsky, qui donne dans le panneau d’une manière incroyable. mit Anto-
inette Bloudoff, welche eine ganz geistreiche frau ist, bin ich ebenfalls sehr
viel. im ganzen ist mir dieses lebhafte gesellige leben sehr angenehm und
nützlich, weil ich den umgang mit frauen und den sogenannten small talk,
dessen ich mich seit einiger Zeit fast gänzlich entwöhnt hatte, wieder ein-
lerne, es ist nicht gut, vor der Zeit ein loup garou zu werden.
neulich machte ich mit Pachta eine recht hübsche Promenade in die sa-
line. Barkóczys sehe ich (mit Ausnahme des vaters, der mit uns ißt) ver-
gleichungsweise nicht viel, es sind altfränkische krautjunkerliche leute, die
niemanden außer ihrem comitate kennen, nicht wissen wie es anzufangen,
um sich zu lanciren, und auch nicht in die hiesige gesellschaft passen.
ich lese jetzt görgeys mémoiren,1 welche in einem schwarzgalligen und
nicht immer würdigen tone geschrieben sind und eher gegen als für ihn
stimmen.
[Bad kissingen] 30. July
ich habe meine Badecrisis überstanden, welche in einem kolossalen schnup-
fen mit leichtem fieber, besonders aber in einer noch colossaleren grantig-
keit bestand, welche 3 tage währte, und während der ich meiner gewöhn-
lichen damengesellschaft aus dem Wege ging, namentlich den russischen
damen, welche frais d’amabilité in Anspruch nehmen und sie auch verdie-
nen. nun bin ich wieder in meinem gewöhnlichen brillanten (?!) humor, lei-
der gehen aber in diesen tagen viele meiner besten Bekannten fort, und der
nachschub, wenigstens soviel ich bisher davon kenne, ist weit entfernt, den
Abgang zu ersetzen. frau von Wolff und ihre freundinn frau Jahn (meine
beyden Badepassionen) gehen morgen, ebenso die Bloudoffs, übermorgen
Wimpffen, bald darauf Pachta und lichnowsky etc. etc. heute Abends ist
große Parthie nach der Bodenlaube und darauf großes Abschiedsfest bey
Bloudoff mit transparenten, marionetten etc.
vor etwa 8 tagen machte ich mit den Barkoczys maritalement eine Par-
thie nach der trimburg und chaperonnirte denselben Abend die 2 damen
auf den Ball im conversationshause. Aber es ist eine vergebliche Anstren-
gung, sie lanciren zu wollen, il y aurait une éducation à faire, die soliden ei-
genschaften sind da, aber gerade die anderen, auf welche ich besonders bey
einer frau großen Werth lege, und die das Agrément des lebens ausmachen,
namentlich bey Jemandem, der wie ich an die gute gesellschaft gewöhnt ist,
fehlen, freylich läßt sich mit 19 Jahren noch viel lernen, wenn man einen
1 Arthur görgey, mein leben und Wirken in ungarn in den Jahren 1848 und 1849. 2 Bde.
(leipzig 1852).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien