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Tagebücher574
sind, bin ich sehr viel, soupire oft (nicht immer) mit ihnen, mache zuweilen
Parthieen mit etc., dabey aber bleibt es, bey den majestäten beschränke ich
mich darauf, sie zu grüßen und allenfalls zuweilen, wenn könig oscar oder
herzog max auf mich zukommen, mit ihnen zu sprechen, zu ihren Parthieen
und soirées, welche namentlich die großherzoginn von mecklenburg zuwei-
len gibt, werde ich schon deßwegen nicht geladen, weil ich von der schwedi-
schen familie niemanden als dem könige vorgestellt bin, übrigens habe ich
es bey der großherzoginn gleich bey meiner Praesentation verschüttet, sie
hält mich wahrscheinlich für einen rothen königsfresser.
[Bad kissingen] 4. August
J’assiste au débacle der hiesigen gesellschaft, und das ist immer eine melan-
cholische sache. Alles, d.h. von meinen Bekannten, ist weg, das Wenige was
noch nicht weg ist, geht in diesen tagen, graf nesselrode und sein ganzer
schweif von russen und russinnen ist unter diesen, die königinn von Bay-
ern ging heute. ich gehe herum wie der letzte mensch. Was vor der hand
noch bleibt, ist herr und frau v. dewitz, eine kleine komische engländerinn
mrs. hoare, und meine lieben aber langweiligen landsleute Barkoczy und
hans kolowrat. dazu kömmt, daß das Wetter, welches seit 2 monathen bei-
spiellos schön und warm war, sich nun ändern zu wollen scheint.
ich bin sehr viel mit Barkoczys und kann nur das wiederholen, was ich
neulich schrieb, man ist außerordentlich liebenswürdig und zuvorkommend.
gestern fuhren wir, d.i. sie, kolowrat und ich, nach Brückenau, eine tüchtige
tour, gegen 4 stunden zu fahren, aßen dort und kamen gegen 1/2 11 uhr
Abends nachhause.
ich denke, gegen den 11. von hier abzureisen, Barkoczy’s reisen am 10.,
wohin ich mich wende, hängt von der Antwort ab, welche ich von gabrielle
erwarte, bleibt sie bey ihren reiseplänen, so gehe ich nach Wiesbaden und
warte dort auf ihre Ankunft in frankfurt, sonst gehe ich vielleicht auf etliche
tage nach Ansbach und von da die donau herab nach Wien. die reiselust ist
bey mir erstorben, la dernière de mes passions, selbst die nach dem oriente,
wohin eigentlich meine nächsten Pläne gehen, so bröckelt das leben nach
und nach von mir ab.
[Bad kissingen] 9. August
ich zähle die stunden bis zu meiner Abreise, so angenehm die ersten Wo-
chen meines hiesigen Aufenthaltes waren, ebenso langweilig sind diese letz-
ten tage. Alles ist fort, mit einigen wenigen Ausnahmen, die noch dazu nicht
zu den amusantesten gehören. dagegen gibt es eine masse engländer und
engländerinnen und viel „gebildeter deutscher mittelstand“ unter den neu-
ankommenden, zwey unausstehliche menschenklassen. dazu ist das Wetter
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien