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August 1852
aber am schlimmsten fährt, das sind die deutschen fürsten, von denen sich
ihre eigenen unterthanen immer mehr abwenden, und die nebstdem ebenso
grimmig von Preußen gehaßt werden, wegen ihrem Abfalle von Berlin, wo-
hin sie im Jahre 1848 wie auf einen rettenden engel blickten. Bey der näch-
sten gelegenheit werden sie zwischen 2 stühlen am Boden sitzen. übrigens
scheinen die Partheyen in deutschland ganz zertrümmert und ohne irgend
einen festen Plan zu seyn, und bloß eine günstigere Wendung der dinge ab-
zuwarten. der fehler der sogenannten gagern’schen Parthey war und ist
noch immer der, daß sie anstatt nach rechts, nach links hin coquettirt, hätte
sie den Adel in deutschland entschieden für sich, so wäre sie um vieles stär-
ker.
Am letzten Abende hatten wir, d.h. nugent, Wendzierski und ich ein sou-
per, wozu wir sophie cruvelli, eine charmante sängerinn, die tags vorher
ein concert gegeben hatte, luden, und das ziemlich amusant ausfiel.
Am 18. früh fuhr ich von Wiesbaden fort, durch frankfurt, ohne mich da-
selbst aufzuhalten, nach homburg, wo ich um 2 uhr ankam. da war es nun
allerdings weit brillanter und lebhafter als in Wiesbaden, und jedenfalls et-
was neues, es hat sich seit 1849 außerordentlich verschönert. Abends war
Ball, wozu viele frankfurter herauskamen, darunter mehrere Bekannte: Xa-
vier Auersperg, dörnberg etc., und ich soupirte mit ein paar frankfurter da-
men: metzler, dufay etc. und ihren männern. An der Bank verlor ich wieder,
jedoch angenehmer als in Wiesbaden.
es ist eine dumme sache um das spiel selbst für Jemanden, der wie ich
kein leidenschaftlicher spieler ist, es praeoccupirt einen ausschließlich, ich
hatte während der 8 tage, welche ich zwischen kissingen und frankfurt
auf gabrielle wartend zubringen mußte, über manches in ruhe nachden-
ken wollen, worüber ich mir klar werden, und zwar gerade jetzt klar werden
muß, und brachte das rouge et noir, die gulden und die kreuzer nicht aus
dem kopfe, ich war froh, als das zu ende war.
Am 19. um 2 uhr nachmittag fuhr ich per omnibus ab, auf der eisen-
bahnstation Bonames kam mit dem eisenacher Zuge gabrielle an, jedoch
ohne die erzherzoginn, deren reise sich verzögert hatte, wir stiegen im rö-
mischen kaiser ab und gingen nach dem essen aus, die stadt besehen, auf
den römer, wo ich die Zimmer wieder sah, in denen ich 1848 soviel geses-
sen hatte, in die Paulskirche, wo ein ehemaliger Parlamentsdiener mich er-
kannte und den „herrn vicepräsidenten“ herumführte, lauter wehmüthige
erinnerungen, ins schedel’sche institut, die Anlagen vor der stadt etc., dann
gingen wir nach hause und machten unsere reisepläne. da ich gabrielles
außerordentliche sehnsucht sah, Paris zu sehen, so blieb nichts anderes üb-
rig, als die kurze Zeit, welche sie vor sich hat (sie will nämlich am 2. septem-
ber in turin seyn), danach einzutheilen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien