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Tagebücher588
welche doch früher eine so lebhafte und, wie das Jahr 1848 bewies, so wirk-
same litterarische und sonstige thätigkeit entwickelte.
die meisten meiner Bekannten verließen Baden in den letzten tagen mei-
ner Anwesenheit: die spaurs, um nach innsbruck, lützow, um nach ham-
burg zurückzukehren1 etc., ich selbst fuhr am 6. nachmittags bei strömen-
dem regen (nachdem ich noch am selben tage bey franzl Palfy gegessen
hatte) mit flore hieher. hier ist es zwar schön, aber schon sehr kalt und win-
terlich. gabrielle kommt nicht vor dem 15. oder 16., und ich werde wahr-
scheinlich morgen nach lösch fahren und die Zeit bis dahin dort zubringen,
übrigens wird gabrielle kaum mehr als 1–2 tage hier bleiben können, da
die erzherzogin hildegarde schon in wenig tagen nach ofen in Winterquar-
tiere abgeht. Alexander troubetzkoi ist hier, glücklich, aus rußland wieder
losgekommen zu seyn, und erzählt die unglaublichsten dinge über die dorti-
gen verhältnisse, den immer unerträglicher werdenden druck, welchen der
kaiser (der täglich finsterer und grämlicher wird, wie trubetzkoi sagt aus
furcht vor Allem, was ihn nahe oder ferne umgibt) auf gesellschaft und land
ausübt, und wie sich Alles nach seinem tode sehnt etc., wäre das, was er
erzählt, nicht höchst wahrscheinlich übertrieben, so würde es einen beynahe
an kaiser Paul und sein ende mahnen.2 ich brachte den gestrigen Abend mit
ihm und dem sohne des fürsten Paskewitsch bey seiner schwester oustinoff
zu, welche ebenfalls auf der durchreise hier ist, eine der geistreichsten, ange-
nehmsten frauen, die ich kenne. Auch virginie Boccella ist hier, und lucile
grahn, welche heute auftritt, noch habe ich keine von Beyden gesehen. eine
alte lady hotham, mir von horrocks empfohlen, befindet sich hier, es ist hier
nichts schwerer, als einem fremden die honneurs von Wien zu machen.
[Wien] 18. oktober
sonntag den 10. früh fuhr ich nach lösch und blieb da bis zum 15., es war
außer egbert und christiane [Belcredi] niemand da als tante marie und
celine, einen Abend kam chlumetzky aus Brünn. Wir hatten mit Ausnahme
eines einzigen tages herrliches Wetter, jedoch schon kalt, so daß man wenig-
stens am Abende heitzen mußte, wir, d.h. egbert und ich, jagten fast jeden
tag auf hühner und schnepfen.
es ist ein recht angenehmes, wenn auch etwas einförmiges leben, wel-
ches in lösch geführt wird. egbert und seine reizende frau sind das Bild ei-
ner glücklichen ehe. für eine solche wäre ich wohl kaum empfänglich, wahr-
scheinlicherweise auch nie empfänglich gewesen, doch thut es mir wohl, sie
1 graf franz lützow war österreichischer gesandter in hamburg.
2 Zar Paul I., der Vater von Nikolaus I., wurde am 23.3.1811 durch eine Adels-und Offiziers-
verschwörung ermordet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien