Page - 589 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 589 -
Text of the Page - 589 -
58918.
Oktober 1852
an Anderen zu beobachten. in politicis kömmt egbert aus seinen organisa-
tionsideen für den mährischen, höchstens auch noch den böhmischen Adel
nicht heraus und baut an seiner Zelle, als ob er auf Jahrhunderte hinaus
muße und Zeit hätte, was ich unter den gegenwärtigen verhältnissen un-
practisch nennen muß, übrigens scheint sein einfluß wirklich früchte zu
tragen und wenigstens auf den mährischen Adel wohlthätig zu wirken, na-
türlich nehme ich davon die in Wien lebenden mitglieder desselben aus. hier
wohnt der Auswurf aller Provinzen, ungarn ausgenommen.
die neuen organisationen sollen nun bald erscheinen, ich achte wenig
darauf, weil ich das Alles für ziemlich gleichgültig halte, der despotismus
wird mit jedem tage bleyerner, und die regierung, oder das regieren er-
streckt sich immer weiter und confiscirt nach und nach das ganze leben,
was man, wenn man sein interesse gut begreifen würde, gerade am sorgfäl-
tigsten vermeiden sollte, denn ein solcher despotismus ist nicht haltbar.
der kaiser ist vom lager in Pordenone hieher zurück gekehrt und hat
die Bereisung croatiens aufgegeben, der eingetretenen überschwemmungen
wegen, auch sagt man, daß der empfang in Agram etc. nichts weniger als
gut gewesen seyn soll. Alles blickt jetzt nach Paris, wo man die Ausrufung
des kaiserreiches mit jedem tage erwartet. hier scheinen die leute dieses
als eine für sie günstige Wendung anzunehmen, ich glaube das gegentheil
und halte wenig auf die friedensversicherungen, welche louis napoléon
neulich in Bordeaux wieder gegeben hat.1 verstünde man hier zu regieren,
und wäre es auch nur in vernünftig despotischer Weise, so ließe sich man-
ches halten, aber die leute necken und stacheln einen Jeden und verstehen
dabey das große Wort nicht: panem et circenses, mit hohn und übermuth,
mit einer zur schau getragenen verachtung der intelligenz, der kunst und
der materiellen interessen gründet und erhält man keine reiche.
Am 15. Abend kam ich hierher zurück. gabrielle kömmt wahrscheinlich
heute. olga oustinoff ist auch hier, und ich gehe manchmal des Abends hin.
gestern sah ich lucile grahn und sah sie am selben Abend tanzen, sie ist
eine große künstlerinn geworden.
es ist hier schon ziemlich Winter, und ich habe heute angefangen zu heit-
zen. der plötzliche tod moritz dietrichsteins, des sohnes, macht sensation.
1 im rahmen einer Propagandareise durch südfrankreich zur vorbereitung der Wiederer-
richtung des kaisertums hatte louis napoleon in einer rede in Bordeaux am 9.10.1852
erklärt, „manche leute sagen sich misstrauisch: das kaiserreich, das ist der krieg. ich
aber sage: das kaiserreich ist der frieden.“ er sei sehr wohl ein eroberer, jedoch nicht im
militärischen sinn, sondern er wolle das volk für die religion, die moral und den Wohl-
stand erobern.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien