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November 1852
derung des Papiergeldes erzeugt in der meinung, dadurch das silber her-
vorzuzaubern (wovon bis jetzt noch keine spur), der mangel an capitalien
und credit, die Wirkungen des neuen Zolltariffes und die Angst vor den po-
litischen hirngespinsten der regierung, welche durchaus, um den Zollver-
ein zu sprengen, binnen Jahresfrist (!!) einen Zollanschluß oesterreichs an
deutschland erzwingen will, Alles dieses und Anderes sind schuld daran.
Alles ist gelähmt, jede Privatunternehmung gehindert oder von der regie-
rung sich selber vorbehalten, diese letztere sieht und denkt an nichts als
an militärausgaben ohne maaß und Ziel und an die furcht vor revolution
und democratie, und ist viel zu ungeschickt, um die Waffe des Absolutismus,
welche für den Augenblick in ihre hand gegeben ist, kräftig handzuhaben.
man spricht endlich von gewerbe- und Privatbanken, von da aber zur Aus-
führung ist bey uns ein weiter raum, besonders wenn wieder, wie bey Allem
und Jedem, der staat (dieses häßliche ungethüm) sie in die hand nimmt.
es sind jetzt abermals die unaufhörlichen Zollconferenzen hier versam-
melt. mittlerweilen wird louis napoléon kaiser, obwohl ihn die ganze Welt
in und außer frankreich als einen chenapan ansieht (eine große ohrfeige für
das monarchische Prinzip). lord Palmerston wird nächstens wieder mini-
ster, und diese zwey herren dürften uns dann einen kuriosen tanz aufspie-
len.
ich weiß noch nicht recht, was ich diesen Winter beginnen werde. um
mein Projekt, in den orient zu gehen, ausführen zu können, ist es für die-
ses Jahr schon zu spät, wenn es auch keine anderen gründe gäbe, die mich
für jetzt daran hinderten. sonst aber zieht es mich nirgends so recht hin
als höchstens nach neapel, und da käme noch die unannehmlichkeit der
hinreise zu bedenken. kurz ich hätte nicht übel lust, es wieder einmal hier
zu versuchen, und zwar ob es sich in kreisen leben läßt, die ich bisher noch
nicht kenne, nämlich in der finance. ich spüre, sey dieses nun kissingen
oder eine andere ursache, zum erstenmahle seit langer Zeit wieder lebens-
lust und elastizität in mir, die verbitterung ist verschwunden, manchmal
ist mir beynahe, als witterte ich wieder katastrophen, und im ganzen ist,
wie mir scheint, mein stern wieder im steigen, wie in den Jahren 1846 und
1847.
[Wien] 10. november
es ist noch immer so schön und warm, daß man bey offenen fenstern sitzen
kann und zuweilen sogar den leichtesten überrock nicht ertragen kann. ich
war ein paarmal im Prater, wo es so voll und geputzt war wie im may, obwohl
das laub in folge der kalten tage mitte october schon längst gefallen ist.
gestern war ich in Baden und wollte die beyden töchter spaur’s besu-
chen, welcher am 1. dieses monats in innsbruck nach kurzer krankheit ge-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien