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Tagebücher594
storben ist, wurde aber nur von clementine empfangen, sie ist eine vortreff-
liche, gescheidte und gemüthvolle frau, die ich immer lieber gewinne.1
hier sehe ich henriette todesco sehr viel, welche seit 3 Wochen von ih-
rer 7monatlichen reise nach england zurückgekehrt ist, hier denke ich,
wenn ich den Winter in Wien bleiben sollte, mein hauptquartier aufzu-
schlagen. neulich fuhren wir miteinander in die Brühl, wo sie eine char-
mante villa besitzt, in der sie einige Arrangements zu treffen hatte, und
die sie mir bey dieser gelegenheit zeigen wollte. es ist eine originelle und
sehr geistvolle frau, die aber mit sich selbst noch nicht ins reine gekom-
men ist und wohl nie kommen wird, ein wild brünetter sonnenbrand, wie
heine sagt, mit einem Anfluge von genialität und noch mehr haschen dar-
nach, die Bettina2 hat viele deutsche frauen dieser Art auf dem gewissen,
ich bin für dergleichen nicht mehr jung genug, habe übrigens zu jeder Zeit
die liebessachen zu sehr als nebensache angesehen, um mich auf solche
stürmische schifflein zu embarquiren. ich sage jetzt, abermals mit heine:
möcht’ ich noch einmal lieben, schwärmen – und glücklich seyn, doch ohne
lärmen.3
Blittersdorf ist mein nachbar geworden, und ich sehe ihn zuweilen, nach
seiner Ansicht sehen die dinge in deutschland, namentlich im süden, trost-
loser aus als je, und ein sauve qui peut das einzige, was denen übrig bleibt,
die etwas zu verlieren haben. damit hat er denn auch für seine Person und
seinen sohn den Anfang gemacht. die Wolken ziehen überhaupt dichter zu-
sammen. das kaiserthum louis napoléons ist proclamirt, das Plebiscit wird
am 21. erfolgen.4 die europäischen mächte, welche den 2. december 1851
so enthusiastisch begrüßten, werden nachdenklich und bereiten sich zum
kriege, der schwerlich lange ausbleiben wird, und den niemand so zu fürch-
ten ursache hat als die österreichische regierung, denn sie ist mit nichts
und mit niemandem fertig geworden.
1 die beiden töchter des verstorbenen ehemaligen gouverneurs in venedig und mailand,
Graf Johann Spaur, waren Gräfin Clementine Mocenigo und Markgräfin Therese Pallavi-
cini.
2 die schriftstellerin Bettina von Arnim.
3 heinrich heine, romanzero. gedichte. die Zeilen sind aus lazarus. iX. der Abgekühlte.
henriette todescos vater, der hamburger Bankier lazarus gumpel, war vorbild für hein-
rich heines figur des christian gumpel, der sich in italien marchese christoforo di gum-
pelino nennen lässt.
4 Am 7.11.1852 erklärte der französische senat die Wiedererrichtung des kaisertums zum
Willen des volkes. nach Bestätigung dieses votums in einer volksabstimmung am 20. und
21. november wurde louis napoleon am 2.12.1852, dem Jahrestag des staatsstreichs, mit
dem er die verfassung außer kraft gesetzt und seine Wiederwahl als Präsident ermöglicht
hatte, als napoleon iii. zum kaiser der franzosen proklamiert.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien