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59516.
November 1852
[Wien] 16. november
neblichte, nasse herbsttage, doch noch immer so warm, daß ich nicht zu
heizen brauche, ich mache noch immer so oft ich kann meine morgenspat-
ziergänge.
ich bin sehr viel bey henriette todesco und fühle mich da ganz behag-
lich, sie hat einen Aufsatz von disraeli über die Juden übersetzt und will ihn
drucken lassen, und ich helfe ihr nun denselben überarbeiten, natürlich un-
ter tausend störungen durch Besuche und geschwätz. manchmal gehe ich,
jedoch selten, des Abends zu ida Bombelles, ziemlich oft ins operntheater
und so oft ich nichts Anderes zu thun weiß, ins casino. lucile grahn besu-
che ich auch ziemlich häufig, in 8 tagen ungefähr geht sie fort, es ist eine
alte Anhänglichkeit untermischt mit ein bischen Pantoffelgefühl, welches
mich zu ihr zieht, sonderbarerweise ist sie die einzige frau, vor der ich mich,
möchte ich beynahe sagen, fürchte.
neulich war ich in hietzing, aß bey dommayer mit Paul coudenhoven
und gerieth nach tische zu harnoncour, der im Pereiraschen hause krank
liegt, und, was mir weit lieber war, zu seiner ganz magnifiquen frau, wel-
che einen todten lebendig machen könnte, ich wünschte, sie versuchte es an
mir.
Auch mit meiner marie, welche ich hier plötzlich wiedergefunden habe,1
war ich neulich in schönbrunn, an einem sehr schönen morgen, wie wir sie
leider nicht mehr viele haben werden. so vertreibe ich mir die Zeit mit fri-
volitäten, während draußen die ernstesten dinge vorgehen. da ich von jeder
thätigkeit ausgeschlossen bin, so bleibt mir nichts Anderes übrig, als mir
die frische des geistes und einen leidlichen humor zu erhalten, um nicht
in die verbitterung und das geist und körper aufreibende mißbehagen zu-
rück zu fallen, unter denen ich in den ersten 1 1/2 bis 2 Jahren nach meiner
rückkehr aus frankfurt so viel gelitten habe. Bisher ist mir dieses so ziem-
lich gelungen. ohne in trägheit und stumpfsinn zu versinken (ich lese und
denke viel, wenn ich auch nicht eigentlich arbeite, was mir fast ein Bedürf-
niß wäre, wenn ich nur ein feld und einen Zweck vor Augen sähe), bin ich
ruhig und equilibrirt, so daß ich nicht mehr jeden Augenblick aus meiner
rolle und fassung komme, und meine leidenschaft ruht tief vergraben in
mir. diese 4 Jahre haben meine erziehung vollendet, und ich bin ein ganz
anderer mensch geworden, so glaube ich wenigstens.
die französische Affenkomödie geht ihren gang, aber holpricht, kein en-
thusiasmus, ausgenommen der officielle, übelwollen und mißtrauen von
seiten der kurz vorher noch so gut napoleonistisch gestimmten mächte des
1 Andrian hatte marie meixner auf der rückfahrt von Böhmen nach Wien kennen gelernt
und mit ihr zwei tage in graz verbracht, vgl. einträge v. 4.9. und 25.10.1852.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien