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Tagebücher596
Auslandes, verstärkt durch den Wortstreit ob napoléon iii. oder louis na-
poléon? feindselige manifeste von seiten des grafen von chambord, etc. in
england denkt man an nichts als an die leiche Wellingtons, zu welcher wir
– allein in europa – niemanden schicken, aus rache für haynaus Beleidi-
gung.1
Bey uns zittern und beben alle Beamten, von oben bis zu den geringsten,
für ihr Brod und ihre fleischtöpfe, denn die neue organisirung, die frey-
lich noch wie ein entfernter Popanz am himmel hängt, droht ihnen Beydes
zu nehmen. dadurch wird natürlich das chaos nur noch vergrößert, man
könnte jetzt in oesterreich mit der diogeneslampe einen Zufriedenen su-
chen.
Barkoczy sind wieder hier, und ich habe heute mit h. kolowrat bey ihnen
gegessen.
ich lese oder beende vielmehr jetzt ein interessantes wenn auch nicht
unparteiisch geschriebenes Werk über rußland, von haxthausen, in 3 Bän-
den.2
[Wien] 27. november
Wir hatten noch bis vor wenig tagen die schönsten septembertage mit 12
bis 16° Wärme, dann regnete es durch 2–3 tage, und seit gestern scheint
es nun kälter (doch bey schönem Wetter) werden zu wollen, doch haben
wir noch immer 5–6° Wärme, heute habe ich angefangen etwas zu heitzen.
Bey diesem beyspiellos warmen Wetter fingen die Bäume hie und da an
auszuschlagen, und man sah sehr viel frisches gras, so ist nun der Winter,
welchen ich denn doch hier zubringen werde, wenigstens um einen monath
betrogen.
Bruck wurde vor ein paar tagen telegraphisch hieher berufen, ich sah ihn
nicht, doch war, soviel ich erfahren konnte, der grund seiner Berufung, daß
man ihn nach Berlin schicken wollte wegen der Zollfrage, in welcher man
nun die nothwendigkeit einsieht einzulenken, nachdem man so lange sich
und Andere getäuscht hat, und nunmehr, da die sache bis zur realisirung
gediehen ist, die unmöglichkeit derselben, nämlich eines Zollvereines mit
1 der bereits am 14.9.1852 verstorbene feldmarschall Arthur Wellesley herzog von Welling-
ton wurde am 18. november feierlich in der londoner st. Paul’s cathedral beigesetzt. frh.
Julius v. haynau war kurz nach seiner entlassung als generalgouverneur von ungarn
während einer englandreise im september 1850 beim Besuch einer londoner Brauerei
insultiert worden. der britische Außenminister lord Palmerston lehnte die von österrei-
chischer seite geforderte verfolgung der täter und eine entschuldigung ab, da haynau als
kriegsverbrecher lediglich erhalten habe, was er verdiente.
2 August frh. v. haxthausen, studien über die inneren Zustände, das volksleben und insbe-
sondere die ländlichen einrichtungen rußlands. 3 Bde. (hannover 1847–1852).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien