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Dezember 1852
überhaupt hängen dichte Wolken am himmel. Alles, was von einer revolu-
tion zu hoffen hat, blickt auf louis napoléon mit vertrauen, italiener, Polen,
savoyarden, ein theil der schweiz und, wie man sagt, sogar die rheinpro-
vinzen! er aber wird binnen sechs monathen genöthiget seyn, entweder den
krieg zu beginnen oder dem extremsten liberalismus einen Brocken hinzu-
werfen und Propaganda zu machen. Wie man bey uns unter unsern jetzigen
verhältnissen daran denken kann, einen krieg zu führen, ist mir unbegreif-
lich. die unzufriedenheit und der nothstand wachsen mit jedem tage. Au-
genblicklich bessert sich zwar die valuta (sie ist 13–14%), weil die Ausländer
österreichische staatspapiere, die ihnen fast 7% tragen, während sie draußen
kaum 3% zu erhalten im stande sind, in masse kaufen, in allen Provinzen
gährt es, in italien sind wieder über 100 politische verurtheilungen, darunter
5 vollstreckte todesurtheile, erfolgt,1 in ungarn sieht es ärger aus als je, und
die räuberbanden nehmen einen entschieden politischen character an.
Wie über die geheimenräthe, so sitzen nun auch commissionen über die
kämmerer und truchsesse, um sie zu purificiren, „von letzteren sind schon
einige als anrüchig, entlassen worden“. von der kammerherrncommission
soll, wie mir neulich Jemand sagte, auch ich zur rechtfertigung über ge-
wisse Punkte, namentlich über meine vormärzliche politische Wirksamkeit,
aufgefordert werden! ich kann dieses zwar nicht glauben, bin jedoch gefaßt,
in diesem falle eine foudroyante Antwort zu geben, es wäre mir beynahe
erwünscht, daß mir dazu eine so vortreffliche gelegenheit gegeben würde.
obwohl ich andererseits alle theatralischen demonstrationen hasse, und
eine solche offene stigmatisirung, wie es die entziehung des kammerherrn-
schlüssels wäre, auch viel unangenehmes hätte, namentlich das, daß viele,
welche mir noch vor einiger Zeit auswichen und sich mir jetzt wieder nä-
hern, dadurch erschreckt würden, was mir nicht aus sozialen, sondern aus
politischen gründen unangenehm wäre. gesellschaftlich habe ich mich
von der Welt, wenigstens von der aristokratischen, in der ich bis 1848 aus-
schließlich gelebt, zurückgezogen, d.i. von der damenwelt, denn die männer
sehe ich fast täglich im club, und da bemerke ich eben diese Annäherung
von seite derjenigen, welche sich früher von mir zurückzogen, und denen
ich ebensowenig jetzt wie damals einen schritt entgegen mache. Aber wie
gesagt, ich glaube es nicht, daß man von oben etwas dergleichen gegen mich
unternehmen werde. es ist übrigens albern genug, zu solchen Zeiten noch
solche Possen zu treiben.
1 Am 7.12.1852 wurden in der Festung Belfiore fünf führende Mitglieder des revolutionären
Befreiungsausschusses von mantua, darunter dessen gründer don enrico tazzòli, hinge-
richtet. in der geschichte des risorgimento sind sie zusammen mit weiteren dort hinge-
richteten als die „Märtyrer von Belfiore“ bekannt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien