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Dezember 1852
[Wien] 28. dezember
Wir werden hoffentlich in das neue Jahr ohne schnee hinübergehen, wir ha-
ben jetzt mitunter kalte, neblichte tage (bis 5° unter null), aber im ganzen
ist das Wetter doch noch sehr mild und trocken, daß bey einer so abnormen
temperatur der krankheitsstand sehr stark ist, begreift sich, besonders
herrschen typhus und nervenfieber, und auch ich fühle mich manchmal et-
was unwohl, dennoch aber ist mir dieses Wetter bey weitem lieber als das,
was man zu dieser Jahreszeit sonst zu erwarten hätte.
den Weihnachtsabend habe ich ganz ruhig im club zugebracht, über-
haupt bin ich hier, in der stadt, wo ich den größten theil meines lebens
zugebracht, wo ich eine masse verwandte und Jugendbekannte habe und
sonst so sehr répandirt war, jetzt merkwürdig allein, mehr als fast irgendwo
anders, namentlich geht mir der weibliche umgang ab, eine vergleichsweise
neue und in so mancher Beziehung heterogene Bekanntschaft, henriette to-
desco, ist die einzige frau, mit der ich in einer näheren Berührung stehe.
das ist zum theile die folge der politischen ereignisse und spaltungen, zum
theile mangel an interesse von meiner seite an der hiesigen so höchst un-
bedeutenden frauenwelt. Zum großen theile aber ist dieses hier überhaupt
und auch bey denjenigen der fall, welche nicht im entferntesten in meiner
stellung sind. Aus mangel an Abwechslung, an interesse, an stoff und An-
lage zur conversation ist das hiesige gesellige leben, welches ich noch, be-
sonders in den Jahren 1833, 1834 etc. in so angenehmer Blüthe fand, ganz
zu grunde gegangen und in ein ultralangweiliges kleinstädtisches einerley
eingeschrumpft. die männer sitzen im club, rauchen, spielen und reden
dummes schales Zeug, und werden natürlich in folge dieses lebens immer
roher, beschränkter und ungebildeter, und die jetzt auftretende generation
ist darin bey Weitem ärger als die unsrige.
der kaiser ist von Berlin zurück, der kaiser von rußland kam nicht,
überhaupt scheint trotz alles äußerlich glänzenden empfanges die eigent-
liche Bedeutung der reise: nämlich pater peccavi zu sagen, ziemlich klar
durchgeschimmert zu haben, auch sprachen die preußischen Zeitungen mit
ziemlich insolentem triumphgeschrey, eine derselben verglich sogar diese
13.7.1853. das forstgesetz für das engere österreich (ohne die ungarischen und italieni-
schen länder, dalmatien und siebenbürgen) v. 3.12.1852 trat mit 1. Jänner 1853 in kraft.
das neue vereinsgesetz v. 26.11.1852, publiziert am 18. dezember, galt für das gesamte
reich mt Ausnahme der militärgrenze. es sah die staatliche Bewilligung für alle nichtpoli-
tischen Vereine (darunter fielen auch Aktiengesellschaften) vor, während die Bildung von
politischen vereinen („welche sich Zwecke vorsetzen, die in den Bereich der gesetzgebung
oder der öffentlichen verwaltung fallen“) generell untersagt wurde. Auch bereits beste-
hende vereine mussten um eine nachträgliche Bewilligung unter den neuen Bedingungen
ansuchen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien