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Jänner 1853
ßen trotz Allem immer mehr an Boden gewinnt, kurz Alles mahnt mich an
das Jahr 1847, nur mit dem unterschiede, daß, was damals ein rührspiel
war, jetzt ein trauerspiel zu werden scheint.
hier soll eine verschwörung gegen das leben des kaisers entdeckt wor-
den seyn, wenn es einmahl damit anfängt, so ist dessen kein ende mehr, und
es rollt ein ganz neuer vorhang auf, ich würde es bedauern. gewirthschaftet
wird übrigens hier mit einer steigenden Willkür und hohn, durch entlas-
sungen, drohungen etc., der richterstand eingeschüchtert und alle mögliche
Art von druck und vexation geübt, es ist ein Zustand, wie man ihn im 19.
Jahrhundert nicht für möglich halten sollte. kempen und Bach überbiethen
sich im denunciiren und verfolgen.
michel strasoldo war neulich, am tage seiner rückreise nach mailand,
bey mir, das ist auch einer, der durch Phrasen seine Blöße decken möchte.
reviczky ist plötzlich, wie es scheint in folge finanzieller verlegenheiten,
in ein kloster gegangen. Als ich neulich in der Absicht, darüber näheres
zu erfahren, zu fries ging, in dessen haus ich schon seit circa 3 Jahren kei-
nen fuß gesetzte hatte, überraschte es mich, wie fremd ich unter diesen mir
sonst so nahbekannten leuten geworden war, er ist geknickt in gotter[ge]-
benem stillem Wahnsinn, ungefähr ebenso heinrich hoyos, den ich bey ihm
fand, und wir verstehen uns nicht mehr.
[Wien] 8. Jänner 1853
Wir haben noch immer keinen schnee, dagegen seit mehr als 8 tagen ein
finsteres nebelwetter und dabey sehr empfindlich kalt, obwohl das thermo-
meter noch kaum jemals auf 5° r. unter null gesunken ist.
der fasching hat bereits mit einigen Bällen in der gesellschaft begonnen
und verspricht, da er sehr kurz ist, sehr lebhaft zu werden, ich für meinen
theil gehe nirgends hin, nur zu Westmoreland bin ich auf übermorgen zu ei-
nem Balle geladen, obwohl ich bey lady Westmoreland gar nie und bey lord
Westmoreland nur ein mahl, und zwar im July vorigen Jahres gewesen bin.
da will ich denn auch erscheinen und versuchte es diese tage, jedoch um-
sonst, lady Westmoreland zu sehen, um meine Bekanntschaft mit ihr nicht
erst auf dem Balle erneuern zu müssen. Zu den Bällen bey hofe, von denen
heute der erste ist, werde ich natürlich nicht geladen. von der Purifications-
commission der kammerherrn habe ich neulich wieder etwas vernommen,
und zwar daß die Absetzung der Anrüchigen ohne vorläufige Aufforderung
sich zu rechtfertigen und zwar in der Art geschehen solle, daß man sie nach
hofe citiren und ihnen dort die entschließung seiner majestät das kaisers
rillo, die spanische verfassung im autokratischen sinn zu ändern, scheiterte am Wider-
stand des konservativen senats und führte zum rücktritt des kabinetts.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien