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Februar 1853
sensdurstige Jugend, um auf einem schönen und lohnenden umwege zum
Ziele zu kommen. das sind die glücklichen, beneidenswerthen menschen,
welche auf diesem ruhigen grünen flecke hausen.
Wir haben jetzt seit 3 tagen wahres maiwetter, so schön und warm.
[Wien] 18. februar Abends
heute vormittags um 1/2 1 uhr wurde der kaiser auf der Bastey gerade
ober dem kärnthnerthore von einem manne von rückwärts angefallen und
mit einem küchenmesser in den hals, jedoch nicht gefährlich verwundet.
odonnell, der den kaiser begleitete, warf sich auf ihn und verhinderte einen
zweyten stoß, worauf er unter kräftiger mitwirkung mehrerer leute verhaf-
tet wurde. Bis jetzt weiß man, daß es ein schneidersohn aus csákvar seyn
soll, und sein motiv politischer fanatismus und der Wunsch, „ungarn von
seinem tyrannen zu befreyen.“ die entrüstung unter dem besseren theile
des Publikums, welches ich gesehen, ist allgemein. die höfe der Burg, in
welche ich gegen 4 uhr (da ich erst so spät ausging, so erfuhr ich es nicht
früher) ging, um mich aufzuschreiben, waren von menschen erfüllt. um 6
uhr war tedeum in der stephanskirche und die stadt beleuchtet, den glie-
dern der kaiserlichen familie, die sich zeigten, wurden vivats gebracht.
eisenbahnen, telegraphen und Posten sind suspendirt, ja sogar die linien
der stadt gesperrt (was ich etwas unpassend finde, da es die Aufregung auf
dem lande erst hervorrufen muß), es scheint daher, daß man noch auf einen
fang rechnet, was mir übrigens nicht wahrscheinlich vorkömmt.
in diesem Augenblicke, wo das Attentat in mailand, die incendiairen ma-
nifeste kossuths und mazzini’s1 und andere vereinzelte vorgänge in italien
mit den Bewegungen in der türkey zusammentreffen, erscheint dieses fac-
tum doppelt bedeutsam, daß das revolutionaire comité in london gegen uns
einen hauptschlag beabsichtigte, unterliegt keinem Zweifel. Welchen ein-
fluß aber wird dieses Attentat auf das gemüth des kaisers und auf seine
handlungsweise haben? und dann, das eis ist gebrochen, das erste Beyspiel
gegeben, wird es bey diesem einzelnen falle bleiben? ich gestehe, daß mir
diese ganze geschichte einen äußerst widerlichen eindruck macht.
die mißstimmung gegen england hat sich schon in der letzten Zeit, we-
nigstens in der Aristocratie und, wie ich höre, beym militär, wieder bedeu-
tend vermehrt, die gedachten beyden revolutionairen, von london datirten
manifeste, das entgegenwirken englands gegen unsere forderungen in
constantinopel, dann die letzten vorgänge in italien, welche die erinne-
1 es handelte sich um Aufrufe zur unterstützung des mailänder Aufstands vom 6. februar,
wobei sich lajos kossuth an die in italien stationierten ungarischen truppen der österrei-
chischen Armee wandte.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien