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Februar 1853
fürst leiningen ist seit einigen tagen wieder hier, er kömmt aus eng-
land, ich werde aus dem manne nicht klug, ein revolutionär und fürsten-
fresser wie er es in frankfurt war, ist er nun ein wüthender conservativer
und militäranbether geworden, wenigstens spricht er so. er sagte mir unter
Andern, daß in england wirklich große Besorgniß vor einer französischen
invasion herrscht, und daß man sehr positive data über eine dahin gerich-
tete Absicht l. napoléons hatte. es ist ein sonderbarer Zustand in der Welt:
Jedermann ist mit dem zerfallen, mit dem er vernünftigerweise freund seyn
sollte: wir mit england, england mit frankreich, frankreich mit rußland.
überhaupt aber sieht es unter den menschen aus wie zu Babels Zeiten:
sprach-, sinnen- und Begriffsverwirrung, je einfacher und näher liegend die
dinge, desto konfuser die Ansichten, überall Pathos und leidenschaft anstatt
des ruhigen gesunden menschenverstandes, unsere kinder werden uns nicht
begreifen, das hoffe ich für sie. daran bin ich seit einiger Zeit und namentlich
durch Alles, was ich heute gehört habe, wieder recht lebhaft erinnert worden.
ein hauptpopanz, mit dem man hier (ob auch noch auswärts?) die leute
führt, ist die Angst vor dem socialismus, auch so ein dummes leeres Wort,
soll es räuber und spitzbuben bedeuten, so hat es deren immer gegeben,
vielleicht immer mehr als jetzt, soll es dagegen ein system und eine theo-
rie bedeuten, so hat sich diese seit einigen Jahren in der Praxis und in der
Wissenschaft selbst ganz gründlich todtgeschlagen. Auch ich habe einen Au-
genblick an wahrem oder eingebildeten fourierismus gelitten, aber auch nur
einen Augenblick.
[Wien] 25. februar
es ist ein ernster moment, eine crisis, vielleicht ein Wendepunkt, von allen
seiten her vermehren sich die Anzeichen eines solchen.
das Befinden des kaisers ist beunruhigender als es Anfangs schien, nicht
die Wunde, welche unbedeutend ist, sondern die gewalt des stoßes und
die dadurch bewirkte gehirnerschütterung ist bedenklich, besonders bey
der geistigen Aufregung, welche er in diesem Augenblicke nicht vermeiden
kann. vorgestern gab es sogar sehr lange gesichter, und die Ärzte sprachen
mit großer Besorgniß, gestern nahm diese zwar etwas ab, doch ist durchaus
noch nicht alle gefahr vorüber, und es könnte ebensogut der tod als eine
bleibende schwäche des verstandes erfolgen oder selbst auch erst nach einer
geraumen Zeit eintreten. man hat um den erzherzog ferdinand max, der
thronfolger, der an der dalmatinischen küste liegt, geschickt. Bey hofe ist
wie natürlich große Bestürzung. das Attentat selbst hat, abgesehen von sei-
nen möglichen folgen, in der kaiserlichen familie einen tiefen eindruck her-
vorgebracht, zugleich aber das alte vertrauen auf die hiesige Bevölkerung,
die sich wirklich bey diesem Anlasse äußerst loyal gezeigt hat, wenigstens
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien