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Tagebücher624
zum theile wieder hergestellt. vielleicht wird es dazu beytragen, das ver-
hältniß des kaisers zu der civilbevölkerung, welches beynahe ein feindseli-
ges war, auf einen besseren fuß zu bringen.
es regnet nun von allen seiten hochämter, te deum’s, milde gaben,
schlechte gedichte und deputationen. den Anfang machte eine sehr zahlrei-
che ungarische Adelsdeputation von Preßburg und Wien. erzherzog franz
carl, der sie alle empfängt, erwiederte in einer geschriebenen rede, worin
er ihnen über ihre bisherige opposition gegen die regierung einen verweis
gab, der natürlich nichts fruchten wird und als augenscheinlich von Bach
dictirt eher einen schlimmen eindruck machte, eine zweyte Adelsdeputation
aus Pesth folgte nach, dann eine kroatische und gestern eine sehr zahlreiche
böhmische. dieses schnelle Auftreten des Adels als corporation soll Bach
sehr frappiren, nachdem er noch kürzlich eine verordnung erlassen, worin
alle deputationen etc. ohne vorläufige Anfrage verbothen werden, welche
verordnung natürlich hier nicht beobachtet worden ist. erzherzog Albrecht
hat einer Adelsdeputation in Pesth eine standrede gehalten, worin er sie an
das moriamur pro regem nostro erinnerte und sagte, er erwarte zuversicht-
lich ein gleiches en cas de besoin. Ja ja, so geht es immer, und dann passato
il pericolo, gabbato il santo. – – –
nur hier, wo der stupideste theil des Adels aller Provinzen beysammen
ist, ist nichts dergleichen zu stande gekommen. Adolph schwarzenberg
regte neulich im casino die frage an, leider war ich nicht da, es kam aber
wie gewöhnlich zu keinem Beschlusse.
es ist gerade jetzt ein moment des Anschließens an den thron und die dy-
nastie, eine monarchische Aufwallung, die geschickt benützt werden könnte,
theils indignation über das Attentat und die neuheit eines solchen vorfalles
in oesterreich, theils aber, und zwar hauptsächlich, die furcht vor verwir-
rung und Zerstörung im falle des gelingens einer revolution, die vorgänge
in ganz europa, das plötzliche und energische Auftreten der revolutions-
häupter kossuth und mazzini, welches auf Pläne und verbindungen schlie-
ßen läßt, vermehrt diese furcht. Persönliche Anhänglichkeit an den kaiser
hat sich keine gezeigt, könnte sich aber, wenn man wollte, von jetzt an bil-
den. dagegen scheint nach manchem, was ich hörte, die stimmung in den
vorstädten und besonders unter der Jugend eine ganz andere zu seyn als
die, welche sich laut macht.
der mörder libényi soll morgen gehängt werden, von der untersuchung
hat bisher nichts verlautet, nur soviel habe ich gehört, daß es ein ganz iso-
lirtes factum und aus politischen fanatismus geschehen seyn soll. eine un-
zählige menge lügen und geschichten aller Art wurde erzählt.
der krieg mit der türkey ist imminent, wenn er nicht schon begonnen
hat. leiningen ist aus constantinopel zurückgekehrt, ohne befriedigende
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien