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März 1853
muß man sagen: väterlich ist unsere regierung. und dann wundert man
sich …
endlich sind die Patente wegen regulierung der urbarialverhältnisse
und wegen der Ablösung in ungarn, croatien, slavonien und der Woiwodina
erschienen, nach einem sehr einfachen Princip, welches man auch bey uns
gut gethan hätte zu adoptiren, welches übrigens bereits vom ungarischen
landtage ausgearbeitet worden war. ganz unnützer Weise wird nun auch
der clerus entschädigt, obwohl er 1848 darauf verzichtet hatte.1 übrigens
sind von Allen, was seit 4 Jahren geschehen, diese materiellen Anordnungen
(Zollgrenze, civilgesetz etc.) die heilsamsten und bleibendsten.
ich habe eben jetzt reichenbach’s odische Briefe gelesen,2 ein Büchlein,
welches mich sehr anzog, überhaupt interessiren mich die naturwissen-
schaften täglich mehr, elles reposent l’esprit. Aber ich hasse alle Polyhisto-
rey und oberflächliches Wissen und fühle mich dann doch nicht ruhig und
von der Welt abgewandt genug, um mich denselben gründlich zu widmen.
die italienische oper hat begonnen, unter aller kritik schlecht, auch
fanny cerrito tanzt, ist alt, häßlich und schlecht geworden.
[Wien] 12. märz Abends
heute war der erste feyerliche Ausgang des kaisers, welches gestern über-
all verkündet wurde, jedoch nicht in officieller Weise, so wurde z.B. der
gesammte hoffähige Adel, herren und damen, durch ein circularschrei-
ben der fürsten louis lichtenstein, Adolf schwarzenberg und ferdinand
trautmansdorf in kenntniß gesetzt, daß man sich um 1/2 3 in den Appar-
tements versammeln könne, ein bisher noch nie da gewesener vorgang. ich
erschien dann natürlich auch, es war eine äußerst zahlreiche und brillante
versammlung. um 3 kam der kaiser mit seinen Ältern heraus, wurde mit
wüthenden vivats empfangen, ging zwischen uns durch und fuhr in einem
offenen Wagen, allein mit seinem vater, durch die dichtgedrängten stra-
ßen, unter einem wahrhaft betäubenden vivatgeschrey des volkes. es war
kein militär zu sehen, sondern der gemeinderath umgab den Wagen, und
vertrauensmänner (eine aus den Jahren 1848 und 49 herstammende, seit-
dem in vergessenheit gerathene institution) im frak bildeten spalier und
hielten, wie ich höre, vortreffliche ordnung. nach einem kurzen tedeum
in der stephanskirche kehrte der kaiser in derselben Weise zurück, kam
wieder durch die Appartements, wo wir Alle mittlerweilen geblieben waren,
wurde wieder mit geschrey empfangen (wobey sich beydemahle vorzüglich
1 die entsprechenden kaiserlichen Patente v. 2.3.1853 wurden am 8. märz im reichsgesetz-
blatt veröffentlicht.
2 carl frh. v. reichenbach, odisch-magnetische Briefe (stuttgart 1852).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien