Page - 633 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 633 -
Text of the Page - 633 -
63319.
März 1853
[Wien] 19. märz
nachdem wir durch 14 tage das schönste frühlingswetter, 10–12° r., ge-
habt haben, ist nun seit ein paar tagen ein rückschlag, Wind, kälte und
mitunter etwas schnee, eingetreten.
gabrielle ist wieder nach ofen zurückgekehrt, im April hofft sie wieder
hieher zu kommen, wenn nämlich der könig von Bayern, wie es heißt, auf
seiner rückreise aus italien über Wien kommen sollte.
Zwey bedeutende todesfälle sind am 14. vorgefallen. haynau, welchen ich
noch am 12. bey hofe ganz frisch und gesund gesehen und gesprochen hatte,
und der vom kaiser besonders freundlich begrüßt worden war, worauf er
große hoffnungen baute, dann der hiesige erzbischof milde. An haynau hat
der kaiser seinen besten feldherrn, sein größtes militärisches talent verlo-
ren, im falle eines krieges wird man diesen verlust tief empfinden. An milde
verlor der staat einen gemäßigten, einsichtsvollen kirchenfürsten, und der
katholische Zelotismus wird durch seinen tod einen um so ungehinderteren
Aufschwung nehmen. man nennt schon als seinen nachfolger rauscher, den
Bischof von grätz, das haupt jener Parthey, welche jetzt immer mehr um sich
greift. das concordat, welches seit einigen monathen mit rom verhandelt
wird, wird für dieselbe ein neuer triumph seyn, geistliche gerichte, eine neue
gesetzgebung in ehesachen werden dessen hauptbestimmungen seyn. das
unterrichtswesen, selbst das höchste, soll fast ausschließlich in die hände der
geistlichkeit übergehen. thun, der schafskopf, ist ganz in ihren händen. da
man zu ungeschickt ist, das volk durch materiellen Wohlstand zu beschäfti-
gen und zu gewinnen, so will man es noch mehr verdummen, als dieß bereits
der fall ist, damit man von ihm nichts zu besorgen habe. Aber hier liegt die
größte gefahr. gegen nichts ist die Abneigung so tief und allgemein als gegen
eine Wiederkehr der clericalen übermacht, deren Abschaffung kaiser Josephs
größtes verdienst in den Augen der Bevölkerung ist. dazu ist in diesen 5 Jah-
ren trotz Allem doch so viel licht in das volk gedrungen, um demselben seine
geistige inferiorität gegenüber des Auslandes fühlbar zu machen. die regie-
rung spielt mit dem feuer, wenn sie an diese dinge hand anlegt, vielleicht
gehört aber auch dieses zu der providentiellen erziehung unseres volkes.
geringer ist handelsminister, Baumgartner, der eine gehirnlähmung er-
litten hat, bleibt finanzminister, weil zu diesem unbedeutenden Amte auch
ein halber cretin gut genug ist – !!1 Bruck geht als internuncius nach con-
stantinopel, ins ministerium zu treten hat er sich wohlweislich verbethen,
der nimbus dieses mannes steigt immer mehr, und ich theile ganz die hohe
meinung, welche im Publikum über ihn herrscht.
1 diese information erwies sich als falsch, Andreas v. Baumgartner blieb in seiner doppel-
funktion als handels- und finanzminister.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien