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März 1853
die an der türkischen grenzen aufgestellt gewesenen truppen sind auf
dem rückmarsche, jene, die zur hiesigen garnison gehörten, kommen zum
theile schon morgen wieder hier an. den regimentern haynau und Zanini,
die statt ihrer eingerückt waren, traute man nicht.
Wien 25. märz 1853 charfreytaga
[Wien] 28. märz ostermontag
Am 19. Nachmittags fing es an dicht zu schneyen, und dauerte durch volle
48 stunden mit großer heftigkeit fort, so daß während dieser Zeit die stadt
beynahe unwegsam war, drey tage später hatten wir wieder einen ziemlich
starken schneefall, und endlich diese nacht den dritten. dazwischen hat-
ten wir zwar schöne tage, jedoch fror und thaute es abwechselnd, so daß
der schnee noch immer ziemlich stark in den straßen liegt, die Posten wa-
ren durch mehrere tage unterbrochen, seit 1849 gab es keinen so starken
schneefall, und seit vielen Jahren keinen, der zu so später Jahreszeit ein-
getreten wäre, so mild der Winter war, so unangenehm ist der nachwinter.
Wir hatten in diesen letzten tagen wieder eine jener politischen fluc-
tuationen, welche jetzt so häufig werden. Die orientalische Frage, welche
durch leiningens mission so eben erst alle gemüther beschäftiget hatte,
trat nochmals und zwar evidenter als je in den vordergrund. rußland hat,
um uns ein Paroli zu bieten, den fürsten menzikoff nach constantinopel
gesandt, welcher dort mit großem Pomp und übermuth auftritt, seine for-
derungen beziehen sich ostensiblement auf die frage der heiligen orte,
welche frankreich so ungeschickt angegriffen hatte, in der Wirklichkeit
aber scheint sie darauf berechnet zu seyn, de fair étalage de puissance, um
moralisch auf die griechische Bevölkerung zu wirken.1 die Pforte ergriff ein
panischer schrecken, der englische chargé d’affaires sandte ziemlich vor-
eilig um die englische flotte, welche in malta lag, deren Admiral sich aber
weigerte zu gehorchen und darin von seiner regierung approbirt worden
ist, frankreich ließ, als es von dem von constantinopel nach malta expedir-
ten Befehle hörte, seine flotte auslaufen, kurz es schien einen Augenblick,
als wäre es ein branle-bas aller mächte, und als sollte es zu einem russi-
schen navarin kommen.2 Aber die englische regierung ist bis zur feigheit
friedliebend, cobden und ähnliches gesindel haben sie im sacke, und da
a dieses datum gibt wohl den tag des kaufs bzw. der öffnung des neuen Bandes an.
1 die frage der heiligen stätten in Jerusalem war nur ein nebenaspekt, im Zentrum der
russischen forderungen stand das Protektorat über die gesamte christliche Bevölkerung
der türkei.
2 in der seeschlacht bei navarino (Pylos) wurde 1827 die türkisch-ägyptische flotte von den
vereinigten britischen, französischen und russischen kräften vernichtet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien