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Tagebücher638
gehen, und vielleicht zugleich lerchenfelds besuchen. ende may ist das
maltheserordenscapitel, und da will ich, wenn ich nicht nach constantino-
pel gehe, hier seyn. das kreuzt sich dann Alles durcheinander.
Am Besten wäre es, man könnte jetzt ein paar Jahre verschlafen. das
reisen, und wäre es in die fernsten Weltgegenden, ist nur ein Palliativ,
man kommt doch nicht aus dem Dunstkreise, dem man entfliehen möchte.
freylich müßten einem jene verschlafenen Jahre von dem leben abgerech-
net werden. ich fühle mich manchmal so matt und trostlos, als ob ich schon
gebrochen wäre, und ich bin es doch nicht, im gegentheile, aber von allen
seiten kriecht der marasmus wieder heran, nur mit dem unterschiede, daß
wir wenigstens damals noch jung und frisch waren, und daß dasjenige, was
damals im volke dummheit war, jetzt niederträchtigkeit, Angst und heu-
cheley geworden ist. die leute krümmen den rücken und schreyen Alle-
luja. dabey feyert der insolenteste Absolutismus seine saturnalien und ist
dabey, wie in oesterreich überhaupt nichts Anderes zu erwarten ist, dumm
wie Bohnenstroh, nicht nur jeder Begriff von recht und unrecht, sondern
der einfachste gesunde menschenverstand hat seinen Abschied erhalten.
hinrichtungen zu halben dutzenden beynahe in jeder Zeitung, theils po-
litisch, theils standrechtlich wegen raub etc., die aber ebenfalls insoferne
politischer Natur sind, als man sie der Umsturzparthey sogar in officiellen
kundmachungen zuschreibt, und sie jedenfalls nur durch die zerrütteten
politischen und administrativen verhältnisse seit 3–4 Jahren entstanden
sind. verurtheilungen zu kerker, festung, stockprügeln etc., kriegsge-
richte und Belagerungsstand in 3/4 der monarchie, Wuth und leidenschaft
von Oben, läppische Declarationen in den officiellen Blättern. Dabey Verfall
der Industrie, Aufhören des Exportes, Zunehmen des Deficits, Stillstehen
der Administration, dabey keine einzige frage oder Aufgabe der regierung
von der höchsten staatsrechtlichen bis zu der der einfachen bureaucra-
tischen organisirung herab nicht nur nicht gelöst, sondern nicht einmal
beantwortet, allgemeine und zunehmende Abneigung und mißtrauen, da-
bey aber Adressen und deputationen ohne Zahl, theils erzwungene, theils
durch die eigene dummheit oder niederträchtigkeit freywillig offerirte,
ekelhafte schwanzwedeleyen in allen Zeitungen und überall, kurz dieselbe
niederträchtigkeit wie in frankreich, nur mit der dummheit, gemeinheit
und geschmacklosigkeit als Beygabe, dem Auslande aber geben wir das
niedrigkomische schauspiel eines Pandaemoniums, in dem ein paar besof-
fene schinderknechte und Bauernlümmel ihr Wesen treiben.
Bach’s Einfluß ist jetzt der überwiegende, er hat den Kaiser ganz im
sacke, wenn man das so nennen kann, denn da er gar keinen andern Zweck,
keine andere idee hat als sich zu halten, so erhält und vermehrt er seinen
Einfluß nur durch unermüdliches Nachgeben und Kriechen. Am größten
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien