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Tagebücher644
Als dann oesterreich im märz 1848 zusammenbrach, glaubten Palmerston
und seine lakayen nicht an die möglichkeit, daß wir unsere italienischen
Besitzungen würden erhalten können, ein Zweifel, der durch hummelau-
ers unglückliche mission leider nur zu sehr bestärkt werden mußte.1 da-
her hielten sie sich zu carlo Alberto, um sich an ihm einen verbündeten
gegen das französische übergewicht in italien zu schaffen, welches sonst
unvermeidlich geworden wäre. Alles dieses hat mir Palmerston und Andere
vielmals mündlich versichert, und so war es auch. Wie dann besonders seit
dem herbste 1848 persönliche gereiztheit ins spiel kam, etwa auch emp-
findlichkeit über den eigenen Irrthum, der ihm schonungslos vorgehalten
wurde, wie dann nach und nach eine Art von Zweykampf zwischen Palmer-
ston und schwarzenberg daraus wurde, gehört nicht hierher.
[Wien] 29. April
es ist ein eigenthümliches Wetter, zuweilen ein paar schöne warme früh-
lingstage, dann wieder so kalt und regnerisch, daß man in dicken Winter-
kleidern gehen muß, und die Berge mit schnee bedeckt sind, ich heitze noch
immer, und die vegetation ist bis auf einige schwache knospen noch ganz
winterlich. für die saaten schlechte Aussichten, auf der großen mehrzahl
der felder hier, in ungarn, Böhmen etc. hat der sommeranbau noch nicht ge-
schehen können, oder ist er durch die enormen überschwemmungen, welche
namentlich in allen theilen ungarns stattgefunden haben, vereitelt worden,
die obst- und hie und da auch die Weinblüthen sind erfroren, kurz bisher
sieht es aus, als ob dieses Jahr ein decidirt schlechtes werden sollte. die Jah-
reszeiten verrücken sich, noch vor 12–15 Jahren war der 1. may gewöhnlich
ein sommer-, jetzt ist er ein Wintertag. ein mißjahr würde uns aber vollends
zu grunde richten, denn in allen erwerbszweigen geht es so schlecht wie
nie. die ganze kleine industrie purzelt zusammen, neulich haben an einem
tage 38 gumpendorferfabrikanten ihr geschäft eingestellt. Was wird erst
werden, wenn am 1. Jänner kommenden Jahres der preußische handelsver-
trag ins leben tritt. endlich soll nun die gewerbebank errichtet werden, mit
3 millionen capital, in den Provinzen werden sie nachfolgen, bey uns dauert
die einfachste sache jahrelang, weil die regierung sich in Alles und Jedes
hineinmischt, und doch gedeiht nur das, wo sie die hände nicht im spiele
hat, témoin die donaudampfschifffahrt, der lloyd und die Privateisenbah-
nen. ich möchte sehr gerne sowohl aus interesse für die sache selbst, als um
1 im herbst 1847 reiste das britische kabinettsmitglied (lord privy seal) gilbert elliot earl
of minto in spezieller mission seiner regierung durch italien. hofrat karl v. hummelauer
hatte bei verhandlungen ende mai-Anfang Juni 1848 in london die englische regierung
um vermittlung in italien ersucht.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien