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April 1853
doch irgend eine Beschäftigung zu haben, mich an solchen unternehmungen
betheiligen, aber das ist hier sehr schwer, indem sie alle oder fast alle in
den händen der großen Banquiers und geldmänner sind, welche eine fest
geschlossene clique bilden. überhaupt sind die verhältnisse alle hier spieß-
bürgerlich, kleinstädtisch und veraltet, eine freyere gewerbliche industrielle
und commercielle Bewegung muß erst zum durchbruche kommen, und dazu
zeigen sich jetzt allerdings starke spuren, die materielle noth treibt dazu,
und in dieser Beziehung hat sowohl der neue tariff als der preußische ver-
trag mächtig gewirkt, aber ohne heftige crisis geht dieses natürlich nicht ab,
und ob es im interesse und in der Absicht der regierung liegt, eine solche
gerade jetzt durchzumachen, ist sehr zu bezweifeln.
Bruck ist noch immer nicht hier, es scheint, daß man die jetzige crisis
in constantinopel abwarten will, da man es nicht wagt, rußland entgegen-
zutreten, so will man sich wahrscheinlich lieber davon ganz ferne halten,
übrigens scheint sich die sache friedlich zu lösen. stratford canning ist
von der Pforte wie ein rettender engel aufgenommen worden und hat sich
sehr entschieden gegen russische übergriffe ausgesprochen. es wird nichts
entscheidendes erfolgen, nur der moralische eindruck bleibt, und die ori-
entalische frage hat einen bedeutenden schritt vorwärts gemacht.
frankreich aber scheint unter dem jetzigen regimente immer unbedeu-
tender zu werden, ce n’est plus une puisance sérieuse, sagt eine so eben in
london erschienene russische Broschüre. louis napoléon steht noch um
ein paar stufen niedriger und ungünstiger als louis Philippe, nur mit dem
unterschiede, daß er dabey große Worte macht und machen muß, die ihn
aber auf die länge lächerlich machen.
england verfolgt die sache gegen kossuth eifrig und will sich, wie es
scheint, namentlich vis-à-vis von uns rehabilitiren, es soll nächstens könig
leopold von Belgien herkommen, um im Auftrage der königinn victoria
eine entente cordiale herzustellen, welche rußland gegenüber allerdings
sehr nothwendig wäre, die ich aber unter den jetzigen verhältnissen bey-
nahe für eine unmöglichkeit halte.
die fatale geschichte mit den lombardischen sequestrationen wird im-
mer ärger und zwingt uns, wie immer quand on est dans son tort, zu den
stupidesten Behauptungen, so z.B. daß jeder staat innerhalb seiner gren-
zen thun dürfe, was er wolle, ohne daß ein fremder staat dagegen recla-
miren dürfe (während wir gerade in diesem Augenblicke wegen der Aus-
weisung von 7 capuzinern die grenze gegen tessin sperren), dann: daß
jene classe der emigranten, welche ruhig und vorsichtig zusieht, geradeso
strafbar sey wie die, welche mit dem dolche in der hand Aufruhr und mord
anstiftet etc. rechberg ist nach verona abgegangen, um dem feldmarschall
[radetzky] in civilsachen beyzustehen. das ist für ihn eine uriasmission,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien