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Mai 1853
um endlich einmal mit eigenen Augen zu sehen, ich kann mir kaum vorstel-
len, daß er mir ein solches Begehren unter diesen verhältnissen abschlagen
werde.
ich bin verstimmt und ärgerlich, weil ich nicht einig mit mir selbst bin,
ginge es nach meinem sinne, so würde ich den leuten ein paar grobheiten
in den Bart werfen und es dabey bewenden lassen, es ärgert mich, daß ich
mich rechtfertigen soll. meine beyden schwestern und tante lotty [fünf-
kirchen] heizen mir nach Weiberart ein und tragen, trotz ihres besten Wil-
lens, zu meiner verstimmung bey, wären meine verhältnisse gesicherter,
wäre mir dieses nichtsthun nicht gar so peinlich und unerträglich, und
wäre nicht die Aussicht auf eine jahrelange ähnliche stagnation und mo-
ralisches Absterben vor mir, so würde ich mich gewiß zu nichts von dem
entschlossen haben, was ich nun versuchen will.
ich habe unter diesen umständen auch mit Bruck, der schon seit 10–12
tagen hier ist, nicht gesprochen, ihn nach constantinopel zu begleiten,
wenn auch nur en simple voyageur, würde erstlich bey den jetzigen con-
juncturen mir höchst wahrscheinlich gar nicht gestattet werden, und dann
kann ich mich auch eben jetzt, où il s’agit de faire mousser la chose, von hier
nicht entfernen.
es wimmelt jetzt von hoheiten. die königinn von griechenland kam hier
durch, blieb 2 tage und ist heute Abends fort. gestern kam der könig von
Belgien sammt sohn, den man als Bräutigam der erzherzogin marie nennt,
sie werden mit großer Auszeichnung behandelt, ob er in seiner diplomati-
schen Aufgabe réussiren wird, wollen wir sehen.1 thatsache ist es, daß man
sich england zu nähern wünscht, obwohl die Brutalität und ungeschick-
lichkeit unserer jetzt allmächtigen troupiers jeden Augenblick einen strich
durch die rechnung macht, so jetzt wieder durch eine höchst unangenehme
geschichte in mailand mit einem engländer nahmens sickel. Andererseits
entfernt man sich immer mehr, zum theile ohne es zu wollen, von frank-
reich. oesterreich, england, Preußen – und vis-à-vis rußland und frank-
reich – naturam expellas furca, tamen usque recurret.
der könig von Preußen kömmt am 19. viele sagen, daß auch kaiser ni-
colaus kommen soll. gabrielle ist mit ihrem hofe da, um vor dem herbste
nicht nach ofen zurückzukehren. Auch erzherzog Johann ist da, er sprach
mich heute auf der straße an und sagte, er sey gekommen, um seinen
freund, den könig leopold, zu sehen.
1 Am 29.4.1853 hatte Andrian geschrieben, der belgische könig würde nach Wien kommen,
um im Auftrag von königin victoria eine entente zwischen österreich und großbritannien
anzubahnen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien