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Tagebücher654
die könige sind Alle fort, und hof und gesellschaft fangen an sich zu
zerstreuen. gabrielle geht mit erzherzogin hildegarde schon übermorgen
nach der Weilburg, wir haben zwar sehr schöne tage, doch ist der fond de
l’air noch immer kalt, seit ein paar tagen habe ich übrigens angefangen
im Paradiesgarten1 zu frühstücken. Projecte habe ich vor der hand noch
gar keine, ich möchte wohl im september nach dem oriente und vorher auf
einige Wochen nach Ansbach zu eduard etc. Aber alles dieses muß vor den
dingen in den hintergrund treten, welche ich jetzt erwarte, und die sich so
oder so entscheiden müssen.
[Wien] 20. mai
die Bombe ist endlich geplatzt, wird aber, wie ich glaube, dennoch wenig
schaden thun. menzikoff ist von constantinopel abgereist, da die Pforte auf
frankreichs und englands Betrieb sein ultimatum rundweg abgeschlagen,
ja sogar mit der einsetzung eines antirussischen ministeriums reschid Pa-
scha und (was beynahe an impertinenz streift) fuad effendi’s geantwortet
hat,2 man sagt nun, die russen hätten die donaufürstenthümer besetzt,
doch ist das bisher nur ein gerücht. trotz alle dem glaube ich ganz be-
stimmt, daß es zu keinem kriege kommen werde, denn niemand will ihn,
und das scheint auch die allgemeine Ansicht, selbst an den sonst so furcht-
samen Börsen zu seyn.3
die englische und französische flotte sind nach constantinopel beru-
fen, sonderbar und mir nicht klar ist die stellung der großmächte unter
sich und der Pforte gegenüber. frankreich ist entschieden und in erster
linie gegen rußland, obwol es eigentlich am wenigsten directes politisches
interesse an der frage hat, es ist für dasselbe hauptsächlich eine frage
des amour-propre, um nämlich die durch lavalette erwirkten concessio-
nen wegen des heiligen grabes nicht rückgängig gemacht zu sehen,4 übri-
gens habe ich kein großes vertrauen in l. napoleons standhaftigkeit und
entschlossenheit. england geht zwar mit frankreich, jedoch wie es scheint
nicht ganz ohne rückhalt. Wir, die wir am nächsten betheiligt sind, schei-
1 das kaffeehaus im „Paradeisgartel“ auf der löwelbastei.
2 Andrians informationen sind nur teilweise richtig. mustafa reschid Pascha übernahm im
neuen türkischen kabinett das Außenamt, dagegen gehörte der im märz 1853 über russi-
schen druck als Außenminister zurückgetretene mehmed fuad der neuen regierung nicht
an.
3 tatsächlich besetzte russland die donaufürstentümer erst Anfang Juli 1853, die türkei
erklärte darauf mit unterstützung der Westmächte am 4. oktober den krieg.
4 in der frage des Protektorats über die heiligen stätten in Jerusalem hatte der französi-
sche Botschafter marquis charles de lavalette die Anerkennung der französischen An-
sprüche durch den sultan erreicht.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien