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Juni 1853
nen schwankend und unentschlossen, einerseits zeigt die verzögerung der
reise Brucks und manche andere Anzeichen, z.B. das lange Wegbleiben
meyendorfs etc., auf einige spannung hinzudeuten [sic], und auch in der
montenegrinischen frage scheint einige rivalität und uneinigkeit obzu-
walten, anderseits wieder herrscht die alte devotion für rußland, und die
spannung mit frankreich nimmt zu, die mit england nicht ab, wir werden
uns wohl wieder über den löffel barbieren lassen.
ich glaube, nun da der diplomatische Bruch erfolgt ist, wird man ver-
mitteln, vielleicht werden wir oder Preußen diese rolle übernehmen, und
einige gegenseitige concessionen werden die sache beylegen.
unser geschäftsträger in der schweiz ist abberufen, wieder ein Bruch,
wir hätten nicht übel lust, einzurücken und das dortige regiment umzu-
stürzen (unserem grundsatze getreu: praepotent gegen die kleinen, nach-
giebig gegen die starken), wenn nicht frankreich einsprache thäte. Preu-
ßen und die deutschen kleinen kläffer sind wie natürlich mit uns.1
in meiner Angelegenheit ist weiter nichts vorgefallen, der kaiser ist fast
beständig auf der Jagd, ich suche nun zu erfahren, ob er jene Akten gele-
sen hat, und welchen Eindruck sie gemacht, was aber begreiflicherweise
schwer zu erfahren ist.
es sind so eben 6 Appellationsräthe in Prag knall und fall, ohne sie
auch nur zu hören, pensionirt worden (darunter strobach), wieder wie ge-
wöhnlich auf eine denunciation der gensdarmerie, weil sie einen besoffe-
nen Bauern, der auf den kaiser geschimpft hatte, nicht in Anklagezustand
zu versetzen fanden!!2 Bey solchen dingen läßt sich nichts weiter sagen,
türkische und russische Zustände sind beneidenswerth gegen die unsrigen,
quousque tandem.
[Wien] 7. Juny
Wir haben heuer seit lange wieder einmal einen frühling, wenn er auch
etwas spät eingetreten ist, anstatt wie schon seit vielen Jahren mit einem
mahle aus dem Winter in den sommer zu springen, haben wir jetzt ange-
nehme, mittelwarme tage von 14–18° r. und noch kaum einen einzigen
heißen tag gehabt. freylich regnet es auch viel, beynahe täglich ein gewit-
1 Auslöser des Konflikts war der österreichische Vorwurf, die Schweiz würde keine Maßnah-
men gegen revolutionäre Aktivitäten unternehmen, die sich gegen die österreichische herr-
schaft in italien richteten. die tessiner kantonsregierung verdächtigte man der aktiven
unterstützung dieser Bestrebungen.
2 tatsächlich wurde der ehemalige Präsident des österreichischen reichstags Anton stro-
bach gemeinsam mit dem zuständigen staatsanwalt und weiteren richtern des oberlan-
desgerichts Prag enthoben, nachdem sie einen wegen majestätsbeleidigung Angeklagten
(eine „besoffene geschichte“) freigesprochen hatten.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien