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Juni 1853
sperre etc., kurz Alles kömmt jetzt mit einem mahle über den hals, und er
verlangt sogar noch, daß wir ihn gegen england und frankreich unterstüt-
zen sollen! nein, für so indiscret hätte man ihn doch nicht gehalten. da-
bey zeigt sich auch, daß auf diesen, bisher unsern einzigen, Alliirten denn
doch auch nicht so bestimmt und in allen fällen zu rechnen sey, kurz es
herrscht große rathlosigkeit, man möchte weder mit noch gegen rußland
seyn, während der czar, wie es scheint, eine categorische erklärung ver-
langt, von einer vermittelung durch uns, wie es Anfangs hieß, scheint keine
rede zu seyn. Auch könnten wir eine solche Aufgabe nie allein, sondern nur
etwa gemeinschaftlich mit england übernehmen, und dazu sind wir gegen
diese letztere regierung noch zu verbittert. Wenn ich sage wir, so meine
ich darunter natürlich seine majestät den kaiser, bey welchem persönliche
gefühle entscheiden und capacität und einsicht mangelt. unwissenheit
und Beschränktheit, in solchen händen sind wir. – – –
übrigens ist die ganze geschichte ein beyspielloses moralisches fiasco
für rußland, in jeder Beziehung. insolenz in der form, ungeschicklichkeit
in der Ausführung, kostbare Zeitversäumniß, unbegründete rechtswidrige,
gewaltthätige forderungen, daher der nimbus der rechtlichkeit, der loya-
lität und legalität, den man sich bisher gab, verschwunden, hinterlistige
täuschung der europäischen mächte über den eigentlichen Zweck der men-
zikoffschen mission, kurz in einer und derselben sache unredlichkeit, ge-
waltthätigkeit und ungeschicklichkeit, und was das Ärgste ist, alles dieses
vergebens. kaiser nicolaus und die russischen gesandtschaften machten
zwar überall einen heidenspectakel, drohen und lärmen und möchten der
Welt so gerne furcht einjagen, aber england und frankreich haben sich
bereits soweit aventurirt, daß sie nicht mehr zurück können, et personne
ne croit à la guerre.
eine weitere folge dieser geschichte ist die gewonnene überzeugung,
daß die griechen im oriente nichts weniger als russische sympathieen ha-
ben, sondern vor der hand nur das bleiben wollen, was sie sind.
ich gehe nächste Woche nach carlsbad und von dort nach franken etc.
ende July denke ich wieder hier zu seyn. hier geht nun Alles fort, nämlich
die Wenigen, die nicht schon fort sind. heute war ich mit gabrielle und den
Barkoczys in der villa Arthaber in döbling.
es ist ein junger engländer hier, mr. morier, welcher wie es scheint sich
unsere Zustände zu seinem, unerquicklichen, studium erwählt hat und sich
an mich hält, der ich überhaupt eine Art von cardinale inglese hier vor-
stelle. die engländer benehmen sich übrigens in der orientalischen frage
ehrenhafter und energischer als ich gedacht hatte, die ganze Presse und
die öffentliche meinung sind entschieden türkisch und im nothfalle für den
krieg. lord Aberdeen hat sich von Brunnow einfädeln lassen und möchte
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien