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Juli 1853
mehr behaglich und sieht auch das verhältniß zu crailsheim mit sehr kal-
ten Augen an.1 im grunde meines herzens konnte ich ihr in vielen dingen
nur recht geben, predigte aber dennoch aus leibeskräften, um ihrer selbst
willen. Andererseits hat auch die mutter ihre fehler, und es schien mir
leider, daß mutter und tochter immer mehr auseinander kommen, erstere
hat ihre launen, was wohl zum theile der krankheit zuzuschreiben ist,
ist sehr empfindlich, will sich ihrer Tochter zu Liebe nicht im Geringsten
gêniren oder langweilen und verkleinstädtelt nach und nach immer mehr
in Ansbach, wo sie gewöhnt ist, die erste und fetirteste frau zu seyn, so
hatte sie sich auch hier ein Bischen encanaillirt mit lauter riese’s und
leonhardi’s und schlosser’s und Bolongaro’s und steiger’s und dergleichen
volk. kurz ich habe an der erziehung Beyder arbeiten müssen, denn am
Ende sind es doch vortreffliche Leute und mir sehr theuer. Gestern Abends
hatten wir noch eine Abschiedssoirée bey Blomberg.
franzensbad 18. July
seit nun bald 3 Wochen liege ich in dem allermiserabelsten, jämmerlich-
sten Zustande von der Welt, physisch und moralisch herunten wie nie zuvor
– was ist der mensch! und wie unerwartet kam mir diese Bescherung, und
wie viel ärger, wie vollkommen unausstehlich wäre mein Zustand gewesen,
wenn die Andrians nicht hier wären, mit denen ich in einem hause wohne,
also so oft ich will gesellschaft habe, ja ja, es ist nicht gut, daß der mensch
allein sey.
in den letzten tagen [Juni] spürte ich ein zunehmendes Anschwellen der
rechten leistendrüsen, ging daher am 1. zu dr. hochberg, dieser erkannte
darin die folgen einer heftigen verkältung (bey dem hundewetter und in
dem hundeneste carlsbad, wo es gar kein mittel gibt, sich gegen dasselbe
zu schützen), die sich auf jene theile geworfen habe, und sprach von Blut-
egeln und einer cur von 3–4 tagen. ich fragte, ob ich diese nicht ebensogut
in franzensbad überstehen könne, wo ich verwandte, also doch wenigstens
Pflege und Gesellschaft hätte? und er gab es zu.
so fuhr ich denn am 2. nachmittag von carlsbad ab, war um 8 in eger,
hätte dort nach den sublimen österreichischen Posteinrichtungen 1 1/2
stunden warten sollen, nahm daher einen miethwagen und war in einer
halben stunde hier. Andern tages übergab ich mich meinen beyden Peini-
gern, dr. catellieri und Wundarzt tissl, die Blutegel wurden gesetzt, halfen
aber nichts, die entzündung nahm zu, nun arbeiten die leute auf eine eite-
rung los, welche denn auch de guerre lasse so schwach als möglich eintrat.
1 Zur Beziehung zwischen einem jungen frh. v. crailsheim und clementine Andrian-Wer-
burg vgl. einträge v. 30.8. und 5.9.1851.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien