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Juli 1853
eine furchtbare diarrhöe, bey mir eine ganz ungewohnte erscheinung, die
aber die ganze nacht fortdauerte und, wie es scheint, eine wohlthätige cri-
sis bewirkte. Am tage darauf blieb ich bis gegen mittag liegen, aß dann
etwas soupe und fuhr nach 1 per eisenbahn weiter bis Bamberg, wo wir
um 7 ankamen und über nacht blieben. diesen ganzen tag über war ich so
entkräftet, daß ich mehr schlief als wachte und mich kaum an etwas besin-
nen kann. tags darauf dagegen war ich vollkommen wohl, und von diesem
tage an datire ich meine ziemlich rasch fortschreitende reconvalescenz,
wir aßen in nürnberg, waren um 1/2 4 in gunzenhausen, wo wir fast 2
stunden lang blieben und caffeh tranken, und fuhren dann im eilwagen,
den wir aber ganz allein einnahmen, nach Ansbach, wo wir gegen 1/2 9 an-
kamen und von eduard, krafft und fedor crailsheim empfangen wurden,
ich wohnte dießmal bey ihnen.
gleich am selben tage und noch ausführlicher am nächsten morgen
zeigte und erzählte ich grauvogel,1 nach dem ich mich die ganze Zeit über
gesehnt hatte, meinen casus morbi, er schlug die hände über dem kopf zu-
sammen und sagte, was ich immer im stillen vermuthet hatte, daß mich die
leute systematisch zu grunde gerichtet hätten, sie hätten eine eiterung
erzwingen wollen, wo gar keine disposition dazu vorhanden war, anstatt
auf Absorption und Zertheilung hinzuwirken. Ich mußte daher alle Pflaster
etc. wegwerfen, ein Bad nehmen, was mir besonders wohlthat, und er ver-
ordnete mir homöopathische innere mittel, um auf jene Absorption zu ar-
beiten, doch meint er, werde dieß bis zu seiner vollkommenen Beendigung
wohl 3 monathe dauern!
seitdem erhole ich mich sichtlich, obwohl die eiterung (die ich weder
hemmen noch befördern, sondern geschehen lassen soll, bis der schnitt von
selbst zuheilt) recht stark fortgeht, obwol ich des Nachts noch häufig starke
schweiße habe, obwohl ich endlich noch immer ein gelindes Bauchgrimmen
und eine fortdauernde neigung zur diarrhöe spüre. fahrten wie die heu-
tige bringen mich natürlich auch eher zurück als vorwärts. ich eile jetzt
nach Wien, um mich dort in die hände eines geschickten homöopathen,
wahrscheinlich Wurm’s zu geben. Bisher, wo ich keinen eigentlichen Arzt
hatte und brauchte, war ich unentschieden, fühlte aber schon seit einiger
Zeit das Bedürfniß, mich für den fall der nothwendigkeit im voraus zu
fixiren, jetzt ist dieses geschehen, und was ich in diesen Tagen von der Ho-
möopathie erfahren, hat mich befriedigt.
mein Aufenthalt in Ansbach war dießmal ein ganz unbedeutender, von
donnerstag 21. Abends bis zum sonntag 24. mittags, während welcher
1 der bayerische oberstabsarzt eduard v. grauvogl [sic] war mit der familie von Andrians
cousin eduard verschwägert.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien