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August 1853
doblhoff traf. die fahrt ging besser von statten als ich geglaubt hatte, und
ich kam gegen 7, sehr müde und schwach zwar, im sauerhofe an, wo bereits
mein Bedienter und meine sachen angekommen waren und meine schwe-
stern bald nachkamen. diese beyden, dann doblhoff, welcher auch schon
in Wien bey mir gewesen war, sind auch bisher meine fleißigsten Besucher
gewesen. die ersten tage, besonders aber der erste, waren kalt und stür-
misch, so daß ich fast gar nicht ausging. dagegen haben wir nun seit 3–4
tagen eine wahrhaft afrikanische hitze, welche ich, dem die hitze nur sel-
ten zu arg wird, mit Wonne genieße und fast den ganzen tag im freyen bin,
d.i. herumsitze, denn mit dem gehen geht es noch ziemlich schlecht, obwohl
ich auch darin viel gewonnen habe. die diarrhöe dauerte noch die nacht
nach meiner Ankunft, seitdem hat sie aufgehört, die unterleibsschmerzen
sind auch in starker Abnahme, kurz ich hoffe, in 14 tagen vollkommen
wiederhergestellt zu seyn, vielleicht noch mit einiger schwäche als rest.
da ich leider homöopath bin, so muß ich mich einer menge dinge ent-
halten, z.B. Wein, namentlich aber caffeh, was mir besonders hier sehr
unangenehm ist, weil ich dadurch z.B. das Agrément des frühstückens
im freyen einbüße, das wird denn so lange dauern, als ich medicinire. ich
frühstücke daher zuhause, esse zuhause und bringe auch die Abende zu-
hause zu, wo mir wie gesagt eine oder die andere meiner schwestern oder
doblhoff gesellschaft leisten.
letzterer ist in Allem und Jedem der Alte, ganz wie ich ihn zuletzt vor 3
Jahren gesehen, nur um 3 Jahre älter, daher müder und abgespannter, er
kehrt übrigens bald nach dem haag zurück.
Zwey interessante neuigkeiten sind in diesen tagen vorgekommen: die
Aufhebung des Belagerungsstandes in Wien und den böhmischen städten
vom 1. september angefangen und die am 19. in ischel erfolgte verlobung
des kaisers mit der Prinzessinn elise, tochter des herzogs max in Bayern,
der entschluß kam ihm sehr schnell, denn am 16. kam er erst nach ischl
und sah sie (sein geschwisterkind) da zum 1. mahle, doch scheint sie ihm
gefallen zu haben, sie ist 15 Jahre alt, also jedenfalls eine Puppe in der
hand der erzherzogin sophie, welche das ganze arrangirt hat, es ist die 5.
Bayerinn seit 30 Jahren, so ruiniren sich die racen, abgesehen davon, daß
das haus Wittelsbach weder durch geist noch erziehung, noch manieren,
noch durch sonst etwas brillirt und noch dazu, wie es scheint, mit jeder
generation abnimmt. Aprés tout, es kann ein wichtiges ereignis werden, in
mancherley Beziehung.
[Baden] 30. August
mit Ausnahme von 2–3 tagen, an denen es kühl und windig war, hatten
wir bisher unausgesetzt das schönste Wetter von der Welt, meistens sehr
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien