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67313.
September 1853
[Baden] 13. september
in diesen 14 tagen war das Wetter größtentheils, jedoch nicht immer,
schön, dagegen schon stark herbstlich und ziemlich kühl, mit der Wärme
ist es wohl für dieses Jahr vorbey.
mein gesundheitszustand bessert sich zusehends, besonders seitdem ich
das viele mediciniren und Zuhausesitzen aufgegeben habe, ich mache jetzt
nämlich wieder meine mir so angenehmen und wohltätigen morgenprome-
naden, frühstücke im freyen und zwar, da nichts Anderes zu haben ist,
den bisher so verpönten caffeh, esse im Wirthshause, d.h. entweder bey
der stadt Wien oder im freyen im felsenkeller, und durch die dadurch
nothwendig werdende Bewegung vor und nach tische befördere ich zugleich
meine verdauung, welche früher so schwer von statten ging, kurz mit Aus-
nahme des Weintrinkens und einiger weniger anderer dinge, lebe ich so
ziemlich wie sonst und befinde mich dabey vortrefflich. Die Absorption der
drüsengeschwulst geht schnell vor sich, die Blähung des unterleibs nimmt
ab, und was die hauptsache ist, meine kräfte nehmen täglich zu.
vormittag kömmt täglich gabrielle zu mir, celine Belcredi, welche seit
gestern auf Besuch in der Weilburg ist, war heute auch bey mir, meine
tischgenossen sind meistens Bethlen, leutnant Baron Amelin, meyer, de-
nis széchényi, der junge hoyos, horniker, csáky etc. nachmittags gehe ich
abermals spatzieren, manchmal in den doblhoff, wo sich die sogenannte
schöne Welt versammelt etc. des Abends gehe ich manchmal zu frau v.
schwarz, ein ziemlich mäßiges vergnügen, oder sitze ich im caffehhause
und lese Zeitungen. Alles in Allem genommen fange ich an, den hiesigen
Aufenthalt allmälig satt zu kriegen, und glaube kaum, daß ich es länger
mehr als 8–10 tage aushalten werde. dann möchte ich, wenn sich das ar-
rangirt, vielleicht mit gabrielle auf einige tage nach lösch gehen und ge-
gen den 1. kommenden monats in Wien seyn, um von da an meine Anstalten
sowohl wegen des umzuges meiner meubles und sonstigen habseligkeiten
als wegen meiner reise zu treffen. diese letztere möchte und will ich am
27. october von triest aus antreten mit dem an diesem tage abgehenden
directen dampfboote nach Alexandrien. es wäre nicht unmöglich, daß ich
früher, d.i. en route, einen Abstecher nach görz unternehmen müßte, mei-
ner geschäfte wegen, die dort in ziemlich ungenügenden händen zu seyn
scheinen. diese und gabrielles Angelegenheiten haben mir in diesen tagen
viel zu thun gegeben, d.h. Briefe schreiben und in Wien Advocaten con-
sultiren, nun sind wenigstens gabrielles geschäfte so gut geordnet, als es
gerade möglich war, es ist ein wahres unglück, in görz oder mit görzern
geschäfte zu haben.
meine ägyptische reise beschäftiget mich sehr, ich lese und erkundige
mich soviel ich kann, namentlich lese ich mit interesse die Berichte der
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien