Page - 675 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 675 -
Text of the Page - 675 -
67522.
September 1853
[Baden] 22. september
es ist jetzt seit einigen tagen wieder so warm und schön wie vor einem
monathe, wenigstens bey tage, denn die morgen und Abende sind dennoch
ziemlich kühl, das hindert aber nicht, daß ich demungeachtet in einigen
tagen, wahrscheinlich am 26. in die stadt zurückkehren werde, ein sechs-
wöchentlicher Aufenthalt in Baden ist quanto basta, und ich habe nun in
Wien alle hände voll zu thun.
ich war neulich wieder einen tag, d.h. von morgen bis Abends, in Wien,
wo ich geschäfte hatte. da sah ich auch lepel und seinen vater, mein ehe-
maliger gesandtschaftssekretär hat sich nun der landwirthschaft gewid-
met und scheint für diese besser zu taugen als für die diplomatie.
die comödie mit der ungarischen krone ist mit großem Pompe abgespielt
worden, es waren ziemlich viele magnaten, circa 100, dabey, hauptsächlich
Altconservative, welche wieder einmal, ungewitzigt durch frühere erfah-
rungen, loyalitätsdemonstrationen machen wollten und sich dabey wieder,
wie jedesmahl, über hunderterley Zurücksetzungen und cavalière Behand-
lung im stillen grimmig ärgerten. die guten leute spielen nun schon seit
Jahren die lächerlichste rolle von der Welt, wie alle halben zwischen gan-
zen und erbitterten, sie möchten beyde theile anlügen, und keiner von
beyden glaubt ihnen.
es sieht überhaupt in der Welt nicht zum besten aus, zur orientalischen
frage kommt jetzt noch die getreidenoth mit ihren unberechenbaren han-
delsverwickelungen. die ernte war im ganzen eine schlechte, und alle
regierungen rüsten sich, jede in ihrer Art, um theuerung und noth zu
verhüten, durch maximums, Bons, Ausfuhrverbothe, Zollherabsetzungen
etc. Bey uns geschieht nichts, ob aus weiser Berechnung oder unfähigkeit,
weiß ich nicht, um darüber zu urtheilen, müßte man statistische daten
über die vorräthe und die heurige fechsung in der monarchie haben.
in Wien grassirt jetzt der deutsche katholikencongress, und da kommen
ganz wunderliche dinge zum vorschein: z.B. vorträge über die allzugroße
ungleichheit des Besitzes und den Beruf des katholicismus, derselben ab-
zuhelfen etc., und in den geheimen Besprechungen sollen, wie ich gele-
genheit hatte zu erfahren, in verschiedenen richtungen ganz sonderbare
sachen aufs tapet gekommen seyn. die leute predigen offen die verdum-
mung und erklären jedem fortschritte, ja sogar der individuellen Ausbil-
dung des menschlichen charakters den krieg, und wo sie stark sind, wie z.
B. am rhein, greifen sie schon zu heroischen mitteln, verbrennen Bücher
etc., ein Präsident des Bonifaciusvereines in münster,1 den ich hier sah,
1 Zweck des 1849 gegründeten Bonifatiusvereins war – in Analogie zum evangelischen gus-
tav-Adolf-verein – die unterstützung der katholiken im mehrheitlich protestantischen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien