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Oktober 1853
geheime gegner des feldmarschalls [radetzky] schildert. Auch heckscher
sah ich neulich, er ist hanseatischer ministerresident in Wien geworden,
soweit ich höre, kann er den Jargon des Jahres 1848 noch immer nicht so
weit los werden, als es in die hiesige Atmosphäre paßt.
das olmützer lager, der Besuch des kaiser nicolaus und die dort statt-
gefundenen diplomatischen conferenzen sind zu ende. der kaiser kam in
der nacht vom 30. auf den 1. hier an und ist gestern Abends schon wieder
nach Warschau abgereist, wohin ihn der czar eingeladen hat, und wo sich
auch der König von Preußen einfinden wird. Man scheint also dem immer
enger werdenden Bündnisse zwischen england und frankreich gegenüber
das schauspiel einer nordischen Allianz aufführen zu wollen, was schlecht
zur der vermittlerrolle paßt, welche oesterreich einen Augenblick in der
orientalische frage annehmen wollte, ich hatte recht zu sagen, daß wir
mehr als je im sacke rußlands sind, im westlichen europa fürchtet man
mehr als je, daß es zum kriege kommen dürfte, und die Börsen in london
und Paris sind in panischem schrecken, was freylich zum theile auch auf
rechnung der getreidenoth zu setzen ist. ich glaube an einen krieg schon
des herannahenden Winters wegen nicht, doch ist ein theil und vielleicht
in diesem Augenblicke schon die gesammte englische und französische
flotte vor constantinopel geankert, was ein Bruch der verträge ist, wie
freylich auch die Besetzung der fürstenthümer durch die russen, die hie-
sigen conferenzen sind wegen mangel an übereinstimmung abgebrochen,1
kurz die dinge sehen äußerlich recht kritisch aus, und doch glaube ich an
keinen krieg.
Was mich betrifft, so haben diese verwickelungen auf meine Pläne jeden-
falls den Einfluß, daß ich vor meiner Abreise von hier mit Grünne sprechen
und ihn bitten will, dem kaiser diese zu melden und ihn zu fragen, ob er un-
ter den obwaltenden verhältnissen nichts gegen meine vorhabende reise
einzuwenden habe. dieses, glaube ich, ist in dem gegenwärtigen Augen-
blicke angezeigt und auch sonst klug. ich muß daher darüber eine Antwort
haben und diese abwarten, was bey dem jetzigen fortwährenden herum-
fahren des kaisers (er geht nämlich bald nach seiner rückkehr von War-
schau, welche am 8. oder 9. erfolgen soll, nach Possenhofen, um seine Braut
zu besuchen) nicht so ganz einfach ist. directe zum kaiser gehen will ich in
diesem Augenblicke nicht, da meine stellung ihm gegenüber seit may die-
ses Jahres noch immer nicht aufgeklärt ist, und ich den Anschein vermei-
den will, als wollte ich ihn zu einer entscheidung drängen, dieses verspare
ich mir für das kommende frühjahr, wenn bis dahin nichts geschehen seyn
1 die konferenz der Botschafter frankreichs, englands, österreichs und Preußens, auf der
eine friedliche Vermittlungslösung im russisch-türkischen Konflikt gesucht wurde.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien