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Oktober 1853
einstweilen warte ich die rückkehr des kaisers von Possenhofen ab,
welche am 19. oder 20. erfolgen soll. ich war nämlich am tage vor sei-
ner Abreise, am 9., bey grünne und sagte ihm das, was ich ihm in dieser
Beziehung zu sagen hatte, er versprach mir, es dem kaiser mitzutheilen,
was am allerbesten unterweges geschehen seyn dürfte.1 daher ich mir nun
ein paar tage nach seiner rückkunft die Antwort abholen will, sie wird
ohne allen Zweifel zustimmend ausfallen, und dann habe ich den rücken
gedeckt und bin gegen jedes etwaige nachherige nasenrümpfen gesichert.
Lieber wäre es mir allerdings, wenn die Antwort verneinend ausfiele, und
zwar mit dem vorbehalte einer verwendung, daran ist aber jetzt kaum zu
denken.
übrigens sind die türkischen Angelegenheiten äußerlich drohender als
je, die kriegserklärung ist erfolgt, der termin zur räumung der fürsten-
thümer gesetzt, und nach dessen fruchtlosem verlaufe (woran kein mensch
zweifelt) soll der krieg beginnen, jedoch sollen die russen entschlossen
seyn nicht anzugreifen, ebensowenig wird omer Pascha es thun, und dar-
über wird der Winter kommen und vergehen, und kommt Zeit kommt rath.
übrigens sagt man auch, daß die türken im caucasus offensiv verfahren
wollen. Bey uns ist, als Beweis unserer neutralität, eine enorme reduc-
tion der Armée (bedeutender als selbst vor 1848) angeordnet worden und
scheint dießmal auch wirklich durchgeführt werden zu sollen, wenn nicht
etwas neues dazwischenkömmt.
überhaupt scheint der kaiser das soldatenspielen allmälig satt zu krie-
gen und sich mehr und mehr den anderen und höheren obliegenheiten
seines Amtes zuzuwenden, vor der hand zwar nur den auswärtigen An-
gelegenheiten, man sagt, daß er das Armeeobercommando abgeben und
dem erzherzog Albrecht übertragen wolle, man spricht von concessionen,
welche er den ungarn machen wolle etc. das Alles erzählt man, ich kann
aber, wenigstens in dem Wesentlichen, nicht recht daran glauben, mit Aus-
nahme vielleicht der concessionen für ungarn, deren tragweite er nicht
einsieht. die comödie mit den ungarischen reichsinsignien,2 auf jeden fall
eine inconsequenz bey dem jetzigen systeme, ist ebenfalls ausschließlich
im gehirne des kaisers entstanden, und es würde mich nicht wundern,
wenn sich die ungarn wieder, wie ehemals, das beste stück herausrissen,
und wir Andern den schaden und den spott hätten, die reichseinheit aber
1 Andrian hatte über generaladjutant graf karl grünne beim kaiser angefragt, ob dieser
angesichts der internationalen lage etwas gegen seine geplante reise nach Ägypten einzu-
wenden habe, vgl. eintrag v. 3.10.1853.
2 Zur Auffindung der ungarischen Krone und ihrer feierlichen Überführung nach Wien vgl.
eintrag v. 13. und 22.9.1853.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien