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Tagebücher686
gestern war ich mit Batthyány, der heute früh abreiste, in der großen
oper, diesen Abend im casino vecchio, wo sich eine kleine französinn,
mlle irma mit einer staunenswerthen fertigkeit im errathen der positiv-
sten fragen producirte, und nachher getanzt wurde. ich sah diese tage
wieder eine menge Bekannte: malfèr, Podestà tommasini, heinrich ritter,
general vernier, obrist Pascotini, tegethoff, Zwölf etc. die nachrichten
aus dem oriente lauten trotz einiger übergangsversuche und scharmützel
von seite der türken friedlich, man glaubt an Beylegung durch die diplo-
matie.
cairo am 18. november 1853
Am 10. nachmittags 4 uhr beym schönsten Wetter und dem günstigsten
leichten Borin verließ ich an Bord des Bombay triest, das schiff war ein
ganz vortreffliches, ebenso die Bedienung und ganze Einrichtung. Die Ge-
sellschaft bestand nur aus 24 reisenden, darunter bloß 8–9 der 1. classe,
ein engländer mr. nelson aus madras mit einer charmanten frau, ein hol-
länder Baron de tuyll mit einer schönen, kränklichen, vornehm und etwas
launenhaft aussehenden, überhaupt ein wenig räthselhaften frau, wie mir
schien eine neapolitanerinn,1 2 Hamburger Kaufleute Möller und Leykauff,
die zum spaße einen trip um die Welt machen, eine hübsche Berlinerinn,
deren mann in cairo lebt, und eine griechinn aus Wien, tochter des rei-
chen Zizinia aus Alexandrien. Am 2. Platze war ein ganzer Pack deutscher
evangelischer missionäre für indien sammt frauen etc.
den ersten Abend und die nacht ging es ziemlich gut, am andern mor-
gen aber wurde ich seekrank und mußte im Bette 3mal, und als ich dann
gegen mittag aufs verdeck kam das 4. mahl den heiligen ulrich anrufen,2
überhaupt war mir den ganzen tag unwohl, und ich legte mich bald wieder
nieder. von da an aber besserte es sich rasch. Am 12. war ich schon ein
ganz anderer Mann. Gegen 11 Uhr Vormittag waren wir in Corfù, wo wir
ans land gingen, um stadt und insel anzusehen, welche jedoch weit un-
ter meiner erwartung blieb. Als hafen und militärische Position allerdings
ausgezeichnet, und der Anblick vom meere aus sehr schön. um 2 war ich
wieder an Bord, doch währte es noch einige stunden, bis wir kohlen einge-
laden und abfahren konnten.
den 13. fuhren wir bey schönem, jedoch wegen des fortwährenden nord-
windes ziemlich kühlem Wetter längs der griechischen küsten, an cerigo
und candia vorüber, in der nacht schlug der Wind um und wurde zum sci-
1 später stellte sich heraus, dass es sich um Principessa sarah louise sant’Antimo und ihren
liebhaber handelte, vgl. eintrag v. 15.2.1854.
2 sprichwörtlich für erbrechen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien