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November 1853
rocco, daher uns entgegen. dazu kam noch, daß wir jetzt eigentlich erst in
das hohe meer kamen, daher auch die Bewegung größer wurde, ich fühlte
mich daher am 14. ziemlich unbehaglich, obwol es zu keiner eigentlichen
seekrankheit kam. dagegen wurde die Wärme des südens schon sehr fühl-
bar, und die mondhelle nacht war herrlich. es ist etwas eigenes um eine
solche seereise, wie sie einen erfrischt, von der spießbürgerey der heimath
ablenkt und den horizont erweitert. mit mir fuhren lauter leute, die, an
weit größere reisen gewöhnt, meine fahrt nach Aegypten etc. wie einen
spatziergang ansehen, also ganz anders als sie vom kohlmarkte aus be-
trachtet erscheint.
Am 15. früh nach 10 Uhr kamen wir nach Alexandrien, ein magnifiquer
Anblick von der see aus. von da an war Alles neu, der fürchterliche lärm,
das geschrey und die verwirrung, die kameele, die meccapilger am hafen
etc. da ich versicherte, daß ich ein prete1 sey, wurde meine Bagage nicht
visitirt, ich stieg im hôtel d’orient ab, ganz gut, besuchte unseren consu-
latsverweser schaefer, welcher mich in seinem gig spatzieren führte: nach
der nadel der cleopatra, der säule des Pompejus, dem Palaste und garten
des moharram Bey etc. nachts peinigten mich die musquitos auf unerhörte
Weise, so daß noch jetzt meine hände ganz zerstochen sind.
tages darauf, am 16. früh um 8 uhr fuhr ich mit dem dampfschiffe wei-
ter, der grund, warum ich so eilte, war der, daß am 17. nicht weniger als
130 reisende mit der overlandmail aus england erwartet wurden, welche
Alle über cairo und suez weiter reisen, daher die dampfboote gefüllt seyn
werden wie die häringsfässer. schäfer besuchte mich noch an Bord, und so
ging es dann den mahmudiehcanal hinauf, Anfangs zwischen villen und
gärten und längs dem see marcotis, dann wurde das land öder, sandiger.
Alles so einförmig wie in der Wüste, weit und breit kein Baum und kein
grashalm, aber doch Alles neu, überraschend und interessant, der himmel,
die dattelbäume, die elenden dörfer aus lehm, die am ufer sitzenden men-
schengruppen, dazu die staffage von kamehlen, Pferden, Büffeln etc. da-
bey war der canal selbst außerordentlich belebt. ich konnte mich nicht satt
sehen. übrigens war die hitze groß, das Boot (denn der dampfer remor-
quirte uns) übervoll und essen sowie Alles Andere unter aller kritik. um 6
uhr, also schon bey dunkler nacht (hier gibt es keine dämmerung) kamen
wir auf den nil bey Atfeh. dort wurde wieder mit entsetzlichem geschrey
und lärmen die Bagage und die reisenden auf ein anderes, weit besseres
dampfschiff gebracht und weiter gefahren. trotz der schönen mondnacht,
welche übrigens empfindlich kalt war, ging uns also von dieser Nilfahrt viel
verloren. die nacht brachte ich übrigens wegen mangel an raum äußerst
1 Priester (italienisch).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien