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Tagebücher688
schlecht zu, nämlich in einer ecke der cabine sitzend, so daß ich kaum auf
Augenblicke einschlummern konnte.
gestern den 17. früh 9 uhr passirten wir das riesenwerk der Barrage
des nil, eine der schönsten und großartigsten Bauten, die ich gesehen, von
mehemet Ali, dessen genie man bey jedem schritte in diesem lande mehr
bewundern lernt, angefangen und von seinem stupiden nachfolger Abbas
Pascha kaum fortgesetzt. von da an werden die ufer belebter, die orte,
moscheen, villas und gärten mehren sich, bis wir endlich gegen 11 uhr
den magnifiquen Anblick von Boulak, dem Hafen Cairos vor uns hatten.
hier ging die confusion von Alexandrien und Atfeh wieder los, und in ei-
nem omnibus erreichte ich gegen 12 uhr cairo und stieg leider im hôtel
d’orient ab, wo ich aber in jeder Beziehung unzufrieden bin und sehr bald
auszuziehen denke. kost und Bedienung sind schlecht, die gesellschaft ex-
clusiv franzosen, folglich ebenfalls schlecht, meine Zimmer unconfortable
und heiß. denn hier leide ich an der hitze wie zu hause selten im July.
im übrigen ist der Anblick cairos überraschend, die uzbekieh, wo ich
wohne, prachtvoll, das ist der wahre orient, der schöne orient, wie man es
in tausend und einer nacht sich vorstellt, diese mannigfaltigkeit, dieses
gewimmel, diese neuheit, aber auch dieser mahlerische schmutz und diese
nichtachtung Alles dessen, was wir europäer schön, nett und comfortable
nennen, und diese Prellerey in Allem und Jedem, besonders aber im münz-
wechseln.
ich bin heute und gestern ausschließlich in den straßen und Bazaars
herumgegangen, mit einem dragoman wie natürlich, bin in einigen caf-
fehhäusern auf der uzbekieh gesessen und habe mir das treiben angese-
hen etc. von merkwürdigkeiten habe ich erst die moschee kalaoun, einige
sibeels etc. gesehen, ich lasse mir Zeit, denn ich habe sie und bin vor der
hand noch mit meinem etablissement recht unzufrieden. heute besuchte
ich unsern Consul Champion, welcher die Höflichkeit und Dienstfertigkeit
selber ist, wogegen der generalconsul huber, der schliffel, meinen Besuch,
da er eben bey tische saß, nicht annahm, sondern mich bitten ließ, um 4
wieder zu kommen, und als ich um 1/4 5 kam, ausgeritten war.
Auch mit meiner gesundheit bin ich noch immer nicht ganz zufrieden,
die Zustände des vorigen sommers sind sämmtlich noch in geringem grade
vorhanden: die Anschwellung der untern drüsen, das dérangement im un-
terleibe und neigung zu kolik und Abweichen, dabey fühle ich mich schwä-
cher als sonst, bin leicht zu ermüden etc.
[kairo] 22. november
ich bin gestern aus dem hôtel d’orient ausgezogen und in das hôtel shep-
herd übergesiedelt. kost und Bedienung scheinen hier besser. Auch conve-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien