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Tagebücher692
auch bey der vor 8–10 tagen vorgekommenen differenz wegen der getrei-
deausfuhr, welche der Pascha schlechtweg verbothen hatte, gezeigt hat.
dieselbe Post brachte mir auch einen Brief von Bruck (welchem ich
noch von Wien aus meine reise geschrieben hatte1), worin er mich in sehr
freundlicher Weise engagirt, in constantinopel meine Wohnung bey ihm zu
nehmen, und mir nebstdem ein sehr schmeichelhaftes empfehlungscircu-
lare an sämmtliche consulate der levante überschickt.
neulich machte ich mit huber einen eselritt nach Altcairo, wir besahen
uns dort die coptenstadt und die alte unterirdische koptische kirche, in
welcher (sie war noch 2 fuß hoch mit nilwasser gefüllt) man mir die zwey
nischen zeigte, in welchen sich die mutter gottes und Joseph sammt dem
Jesukindlein verbargen. Auch in shubra war ich neulich und sah mir den
garten, die große fontaine und die elende menagerie mehemet Alis an.
die ägyptische Armée beträgt circa 70.000 mann, darunter 10–12.000
irreguläre, d.i. Albaneser etc., der redif, d.h. die Ausgedienten sind dabey
nicht mitgezählt, 28.000 mann sind gegenwärtig an der donau, der gemeine
Mann wird ziemlich regelmäßig bezahlt, dagegen erhalten die Offiziere nur
Bons, welche sie dann oft mit 40 und mehr % verlust an die saraafs verkau-
fen müssen, welche sie dann für voll der regierung in rechnung bringen.
doch soll der neuernannte kriegsminister hier ordnung machen wollen, es
ist ein 16jähriger Bursche, sohn Abbas Paschas.
der könig von sardinien hat dieser tage dem Pascha mittelst einer pom-
pösen gesandtschaft den mauritius (vulgo spinat) orden übersandt,2 der
frosch möchte sich zum ochsen aufblähen.
[kairo] 1. december
Heute sollte die große Prozession des Mehmeh stattfinden, d.h. der heilige
schrein, in welchem der alljährlich mit der großen caravane nach mecca
gehende, vom sultan neu gespendete teppich seine reise macht, sollte in
die hiesige citadelle zurückgebracht werden, um bis zum nächsten Jahre
darin zu bleiben. Auf Befehl Abbas Pascha’s wurde dieser einzug jedoch auf
übermorgen vertagt, da dieses der erste eines türkischen monathes und
folglich ein glücklicher tag ist. die caravane selbst ist vor ein paar tagen
hier angekommen, und cairo war daher in diesen tagen mit hadjis aus al-
len Theilen Africas überfüllt. Besonders fielen mir die Maroccaner und die
1 das konzept des Briefes an frh. karl ludwig v. Bruck, in dem Andrian um empfehlungen
an die österreichischen vertretungen in Ägypten und syrien ersucht, in k. 115, umschlag
666.
2 der sardinische, später italienische orden des hl. mauritius zeigte ein grünes kreuz, das
volkstümlich als gekreuzte spinatblätter bezeichnet wurde.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien