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Dezember 1853
domino, essen um 4 oder 5, frühstücken um 9. gegenwärtig sind wir vor
mitrahenny, dem alten memphis.
die letzten nachrichten aus europa, welche mit der französischen Post
kamen, brachten gerüchte von einem seesiege der türken im schwarzen
meere, was ziemlich unwahrscheinlich klingt.
Abyssinien steht unter einem schattenkaiser, unter welchem mächtige
einzelfürsten regieren, die mächtigsten sind die fürsten von ubie, a , und a,
der größere theil sind christen (entychianer) doch gibt es viele mahometa-
ner namentlich im südosten, und sie machen Proselyten, doch sind sie ge-
genwärtig in vielen theilen des landes noch unterdrückt und verachtet, so
daß z.B. kein mahometaner sich mit einem christen zu tische setzen darf.
einzelne europäer halten sich dort auf. schimper ist seit etwa 20 Jahren
dort, leibarzt des fürsten von ubie und gouverneur eines Bezirkes,1 auch
ein capuciner, Padre sabetta,2 ist schon seit Jahren dort, halb als missio-
när halb kaufmann, und eben jetzt in kaufmannsgeschäften in cairo, er
hat ein Wörterbuch der landessprache verfaßt und möchte den druck in
Wien besorgen lassen.
major scott, ein mir sehr zusagender mann, der aber viel von einem Pu-
ritaner an sich hat, hat mir zum Abschied eine Bibel verehrt, weil ich ihm
davon sprach, daß ich jetzt sur les lieux den exodus nachlesen wolle. Wenn
man allen Pietismus beyseite läßt und der orientalischen Aufschneiderey
die gebührende rechnung trägt, so erklärt sich der Auszug der Juden und
ihr durchzug durch das rothe meer auf ganz natürliche Weise. Bey suez
kann man zur ebbezeit jetzt noch durchwaten, übrigens scheint der ganze
exodus in Aegypten durchaus nicht als ein bedeutendes ereigniß angese-
hen worden zu seyn (etwa so wie jetzt die Ausweisung der Zigeuner aus un-
garn), denn die hieroglyphen des königs tothmess iii. (welche der Bibel-
pharaoh war) reden kein Wort davon. übrigens dürfte man dieses keinem
engländer sagen, denn die lassen sich Alle, selbst die gescheidtesten unter
ihnen, auf jedes comma der Bibel hängen.
die temperatur ist wie bey uns im sommer, heute zeigte der thermome-
ter 20° r. im schatten, doch sind die morgen und Abende kühl, heute früh
7 Uhr hatten wir 8 R., die Luft vortrefflich, rein und erquickend.
in Abyssinien wird viel caffeh gebaut, ein großer theil davon geht als mokka
nach europa, die engländer fangen auch dort an sich einzunisten, unter an-
derem nehmen sie nun viele Abyssinier in ihre indischen regimenter auf, viel-
a jeweils freilassung im text.
1 der naturforscher Wilhelm schimper, verheiratet mit einer einheimischen, war statthal-
ter einer abessinischen Provinz, jedoch kein Arzt.
2 richtig giuseppe sapèto, er war lazarist, nicht kapuziner.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien