Page - 703 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 703 -
Text of the Page - 703 -
70322.
Dezember 1853
fläche mit den niedrigen kahlen Bergen im hintergrunde zu beyden sei-
ten, und dazwischen Sandflächen, auf denen von Zeit zu Zeit Dattelwälder,
daneben ein dorf und meistens Zuckerfelder.
diese ganze gegend war in alten Zeiten voll volkreicher städte, von de-
nen jetzt kaum noch einige überbleibsel zu sehen sind, indem der vanda-
lismus und die unwissenheit der Bewohner sie täglich mehr vermindern.
diese nacht kamen wir an minieh, heute morgens an der berühmten
grotte von Beni hassan und an den ruinen von Antinoë vorüber, immer
ohne anzuhalten, da der Wind fortwährend stark und günstig ist, und wir
das Alles auf der rückfahrt sehen werden. mir ist dieses günstige Wetter
sehr unbehaglich, weil man dabey den ganzen tag nicht aus dem schiffe
kömmt, die luft bedeutend kühler ist, und nebstdem auch die ewig rollende
Bewegung des Bootes unangenehm ist, wir zittern fortwährend für unsere
teller, schüsseln, gläser etc., hier wäre es ein unersetzlicher verlust. die
reise der ersteren tage war langsam, aber behaglicher.
einen sonderbaren eindruck inmitten dieser gegend machen die te-
legraphenstationen, welche von cairo bis Assuan reichen, auch ein paar
verlassene, ganz europäisch aussehende fabriken (Zucker und rum) von
mehemed Ali’s creation passirten wir heute.
die orientalische faulheit zeigt sich im kleinen wie im großen, nichts
nöthiget mehr zur trägheit und zum nichtsthun als die hiesigen divans,
auf denen man nicht sitzen, nur liegen kann, oder die Pfeifen, welche den
raucher zum nichtsthun verdammen, ja mit denen man nicht einmahl ge-
hen kann. Wäre ich Pascha, ich würde sie bey Prügelstrafe verbiethen. da-
gegen machen die leute unnützen lärmen, singen, sitzen und spielen ihre
tarabuka etc. stundenlang, und das nennen sie fantasìa.
moses soll auf der insel roda, cairo gegenüber, aufgefunden worden
seyn.
Bey weitem nichtsnutziger als die eingebornen sind die hier im lande
ansässigen europäer, von denen man die ekelhaftesten geschichten erzäh-
len hört, selbst von den vornehmsten unter ihnen, so z.B. hat der toskani-
sche generalconsul in cairo, rosetti, ein Banqueroutier, einen Prozeß mit
Abbas Pascha, welchen er um nicht weniger als 500.000 thaler geprellt
hat, und worin er eine Zeit lang als quasi oesterreicher sogar von huber
(der übrigens ein ehrenmann ist) unterstützt wurde, so hat der preußische
generalconsul erst ganz neuerlich einen ganz notorischen spitzbuben moy-
ennant 50.000 Piaster als dragoman in dienste des consulates genommen,
um ihn dem gesetze zu entziehen. dergleichen geschichten hört man dut-
zendweise.
vorgestern beym einbruche der nacht während eines großen run zwi-
schen uns und andern schiffen, welche uns in die segel fuhren, wobey ich,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien