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Tagebücher704
um uns durchzuhelfen, sogar meine flinte zur hand nehmen mußte, trafen
wir mit malzahn zusammen, welcher einen tag nach uns cairo verlassen
hatte. gestern, während wir in golosaneh anhielten, überholte er uns.
eine frappante eigenthümlichkeit dieser gegend sind die unzähligen
grotten verschiedener dimension, form und Ausschmückung, welche in
die gebirge längst des östlichen ufers eingehauen sind, es sind gräber der
alten Aegyptier, manche auch noch aus dem Zeitalter der Ptolemäer, in
diesen gräbern wohnten die ersten christen (die in den ersten Jahrhun-
derten nirgends so zahlreich waren als in Aegypten) zur Zeit der christen-
verfolgungen und später die 40.000 Anachoreten der thebaide.1 viele je-
ner gräber waren auch ursprünglich für die leichen der heiligen thiere
bestimmt, deren Mumien man noch jetzt darin zu Tausenden findet, es
gab eine unzahl solcher heiliger Bestien, jede größere stadt hatte ihren
besonderen cultus und bestialischen schutzheiligen: crocodile, ichneumon
(die verehrer dieser beyden erbfeinde crocodilopolis und heroopolis waren
nachbarn und führten deßhalb oft kriege), Wolf, hund, katze, ibis, kuh,
ochse etc., daher die nahmen lycopolis, cynopolis etc., die kuh reprae-
sentirte bey den alten egyptiern die göttinn venus, eine sehr materielle
idee, osiris war der befruchtende nil, sein repräsentant der stier Apis, isis
die befruchtete erde, typhon das Princip der sterilität, die Wüste, daher
ein beständiger kampf typhons mit osiris um die isis. Am ende siegt ty-
phon und zerstreut die zerstückelten überreste seines feindes (ein Beweis,
daß die Wüste schon damals im fortschreiten war), isis sammelt aber die
Stücke in Pietät, findet sie auch alle wieder mit Ausnahme des Zeugungs-
gliedes und begräbt sie auf Philoë, schöne Allegorie, daher der kultus des
Priapus, Phallus etc.
[am nil vor monfalut] 23. dezember
gestern fuhren wir den ganzen tag mit günstigem Winde, ohne auch nur
einen Augenblick anzuhalten, die gegend immer ungefähr dieselbe, nur
wird die vegetation vornehmlich auf dem westlichen ufer reicher, mitunter
große flüge von gänsen, enten, Pelikanen etc., einzelne reiher, geyer etc.,
im ganzen aber doch nicht sehr viel Jagd. Wir unterhielten uns damit, vom
schiffe aus auf vorüberziehende vögel zu schießen, ich schoß einen Pelikan
und einen geyer, jedoch ohne ihrer habhaft zu werden, da wir im raschen
segeln waren. Abends rückten uns die gebirge am östlichen ufer näher
und bis hart an den fluß, und wir passirten gegen 11 uhr Abends bey ziem-
lich heftigem nordostwinde die gefährliche stelle des Berges sheik Abelfo-
1 die frühchristlichen eremiten im südlichen oberägypten (thebais).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien