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Dezember 1853
in der nähe und längs des flusses ein 12–15 fuß hoher damm in krüm-
mungen fort, der zugleich als Weg dient. Jetzt wird eben der Weizen ange-
baut, 3 monathe darauf ist die ernte! nebstdem sieht man viel futterbau,
dann durra,1 Zucker etc. fleißig ist der fellah, das ist gewiß, und seine
Bedürfnisse sind sehr gering, wenn er geld hat, so vergräbt er es, von einer
Benützung desselben keine rede, oft stirbt er mit seinem geheimnisse, und
der schatz ist verloren.
überhaupt erträgt der Araber strapazen wie niemand, wenn man diese
sais und eselbuben vor den eseln, Pferden und kamehlen laufen sieht, so
begreift man nicht, wie sie es aushalten können. mehemet Ali ritt einstens
auf einem dromedare in 6 stunden von suez nach cairo, 82 englische mei-
len, sein sais immer vor ihm her, der mann lebt noch, nur zur industrie
scheint der Araber nicht zu taugen, die wenigen fabriken in Aegypten sind
in europäischen händen und meist in verfall. industriell producirt Aegyp-
ten gar nichts, was nicht aus europa kömmt, kömmt aus Westafrika, tunis,
tripolis, wie die tarbusch, wollene decken, Burnus etc., oder aus syrien
und constantinopel, wie alle seidenen stoffe, teppiche, Waffen etc., übri-
gens ist die einst sehr bedeutende fabrikation in syrien (damascus) seit
dem famosen tractate von 1842 fast ganz zu grunde gegangen,2 12 procent
Ausfuhrzoll konnten sie nicht ertragen, und obwohl die fremden Waaren
nunmehr ebenfalls 12 (statt früher 5) procent einfuhrzoll zu bezahlen hat-
ten, so haben sie und namentlich die englischen ihnen doch den rang abge-
laufen.
es liegt etwas düsteres, freudenloses über allen muselmännischen städ-
ten und ländern, trotz der lebhaftigkeit und heiterkeit des Arabers fühlt
man dieses hier sehr, in der türkey wahrscheinlich noch mehr. die ver-
schleierten Weiber, die strenge Abgeschlossenheit, der finstere Aberglaube
machen das land für jeden europäer unheimlich. roh ist der Araber nicht,
diese eigenschaft scheint der germanischen race ausschließlich vorbehal-
ten zu seyn, nie hört man eine grobheit oder Brutalität, selbst unter leu-
ten der niedrigsten classen, bey dem grade ihrer civilisation muß dieses
für einen fremden besonders auffallend seyn, und doppelt so, wenn er jener
race angehört.
ich habe schon einigemahle die fata morgana, mirage, gesehen und ließ
mich jedesmahl trotz aller vorsicht dadurch täuschen.
1 hirse.
2 Andrian bezieht sich auf die britisch-türkische Handelskonvention von 1838, nicht 1842;
vgl. auch eintrag v. 15.2.1854.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien