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5.5.1 Lotte Lehmann: Künstlerin werden
Die Erzählung von Lotte Lehmann stellt innerhalb der ersten Dimension jene Erzäh-
lung dar, die sich am stärksten positiv auf Kunst bezog.96 Zudem wird ihre Erzählung
durch die Referenz des Musizierens als Kunst – verglichen mit den Referenzen der
anderen Dimensionen – am besten erklärt.97 Sie repräsentiert daher am besten die
Künstlermemoiren,98 an deren Erzählpraktiken sich andere Erzählungen orientieren
mussten. Der Titel von Lehmanns 1937 publizierter Erzählung „Anfang und Auf-
stieg“ ist programmatisch. Sie erzählte darin auf 237 Seiten ihre Entwicklung
– samt
Rückschlägen und Kämpfen – zur gefeierten Künstlerin. Die Erzählung versuchte
sowohl die Entwicklung von den „bescheidenen“ Anfängen zum Star zu beschreiben
als auch einen Einblick in den Alltag von KünstlerInnen zu geben. Lotte Lehmann
erreichte nicht nur zu ihren Lebzeiten große Popularität und Anerkennung ihres
Musizierens, sondern gehört auch heute noch zum Kanon großer Sängerinnen, wie
er in Musiklexika und biografischen Sammlungen konstruiert wird. Ihre Lebensge-
schichte wird auch in zahlreichen Biografien erzählt, die zu großen Teilen auf ihre
Autobiografie Bezug nehmen. Diese Popularität und Anerkennung zum Zeitpunkt
des Erzählens ermöglichte Lehmann eine spezifische Darstellung ihres Musizierens:
die Verwendung der Figur des Aufstiegs, eine teilweise detaillierte Darstellung ihrer
Auftrittspraxis sowie die Erzählung ihres Lebens als eines grundlegend musikalischen.
Lotte Lehmann wurde 1888 in Perleberg (Deutsches Reich) geboren.99 Ihr Vater
arbeitete als Staatsbeamter, ihre Mutter war Hausfrau. Lehmann sang nach ihrer
Gesangsausbildung an der Hamburger Oper, bevor sie an die Wiener Hof- bzw. Staats-
oper wechselte, wo sie
– neben zahlreichen Gastauftritten in aller Welt
– jahrzehnte-
lang blieb. Die von Lotte Lehmann erzählten Erlebnisse wurden so aneinandergereiht,
dass sie als Aufstieg erkennbar wurden: Auf die Entdeckung ihres Gesangstalents
folgt eine Reihe von Ausbildungen, dann das erste Engagement. Die zunehmende
Bedeutung ihrer Person korrespondierte mit immer bedeutenderen bzw. weiter ent-
fernten (und daher exklusiveren) Auftrittsorten: vom Stadttheater in Hamburg über
die Wiener Staatsoper bis hin zur New Yorker Metropolitan Opera, immer wieder
96 Der Beitrag ihrer Erzählung zur Varianz der ersten Dimension beträgt 17,5
Prozent der Gesamt-
varianz und ist damit etwa achtmal so hoch wie der durchschnittliche Beitrag zur Varianz.
97 Die erste Achse erklärt 49 Prozent (cos2) der Erzählung.
98 Lotte Lehmann bezeichnete ihre Erzählung nicht als Memoiren, weshalb die Modalität
„Memoiren“ in ihrem Fall nicht kodiert wurde. Sie verwendet diesen Begriff jedoch im
Vorwort zu der 1970 unter dem Titel „Midway in my song“ erschienenen Übersetzung
ihrer Autobiografie.
99 Ihre Aufnahme in das strukturale Sample erklärt sich dadurch, dass Lotte Lehmann viele
Jahre hindurch auch in Wien musizierte.
Kunst erzählen: Exemplarische Lebensgeschichten 131
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur