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Darin wurde das künstlerische Verständnis von Ausbildung klar. Es reichte nicht aus,
in einer Organisation oder bei einer Person ausgebildet zu werden, die zur Vermitt-
lung grundlegender Fertigkeiten befähigt war; deren Verständnis von Musik und von
der Vermittlung musikalischen Wissens musste auch zur grundlegend individuel-
len Konstitution des/der Musizierenden passen. Dass der/die Musizierende sich als
Individuum verstand und deshalb auch individuell ausgebildet werden musste, war
maßgeblich für die Positionierung als KünstlerIn. Dementsprechend wurde auch
die schließlich ‚passende‘ Gesangslehrerin nicht als „gut“ oder „schlecht“ charakte-
risiert, sondern als „richtig“:
Meine Stimme blühte förmlich auf. Jede Stunde schenkte mir neuen Besitz […] Ich stu-
dierte ungefähr ein Jahr lang bei Mathilde Mallinger – und dieses Jahr erschloß mir erst
meine Stimme. Sie war für mich die richtige Lehrerin.106
Die künstlerische Entwicklung wurde aber nicht nur durch die Individualität des
Unterrichts charakterisiert, sondern auch durch die Kontinuität und das Fehlen
eines definitiven Abschlusses. Lehmann studierte auch noch während und nach
ihrem ersten „richtigen“ Engagement am Hamburger Stadttheater weiter – und
sie schloss aus dieser Erfahrung auf eine allgemeine Beschreibung „des Künstlers“:
Aus jener Zeit schöpfte ich die Erfahrung, daß ein Künstler niemals aufhören darf, zu lernen.
Er ist nie fertig mit seinem Studium
[…] Da ist es gut, daß eine neue Lernstunde veredelnd,
auffrischend, beruhigend die Stimme in stille Bahnen braver Bewußtheit zurückführt.107
Lotte Lehmann stellte ihre Lebensgeschichte, wie oben gezeigt, zu einem guten Teil
als Aufstieg und Entwicklung, d. h. als kontinuierliche Veränderung ihres persönlichen
Status und ihrer Fähigkeiten, dar. Gemäß den zeitgenössischen Vorstellungen vom
Künstlerleben musste dieses ein stetiges Immer- Mehr bzw. Immer- Anderes
– sei es
geografisch, sozial oder ästhetisch
– beinhalten. Dies zeigt auch die Bezugnahme auf
den Begriff Kunst selbst: Wurde er bei der Beschreibung von Lehmanns Eintritt in
die Hochschule für Musik noch ironisch- distanziert verwendet,108 so gewann er mit
fortlaufender Erzählung an Bedeutung, sodass Lehmann am Ende ganz ernsthaft
von ihrer „Sehnsucht nach künstlerischer Vervollkommnung“ schreiben konnte.109
106 Ebd., 80 f.
107 Ebd., 116.
108 „Meine Kunst! Ein kühnes Wort! Sie bestand vorläufig in einem ahnungslosen, hübschen
Stimmchen …“ (Ebd., 53).
109 Ebd., 234. Kunst erzählen: Exemplarische Lebensgeschichten 133
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur