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All diese von Lehmann verwendeten Erzählpraktiken konstruierten ein Musizie-
ren, das für zeitgenössische LeserInnen als Kunst erkennbar wurde und oftmals auch
explizit als Kunst bezeichnet wurde: „Es tut gut, manchmal haltzumachen in dieser
Jagd nach Vollkommenheit und Erfolg, die das Leben eines ‚arrivierten‘ Künstlers
bedeutet.“ 121 Die Annäherung an das Ideal des künstlerischen Musizierens erfolgte
dabei mit fortdauernder Erzählung
– die Erzählfiguren des Aufstiegs und der künst-
lerischen Entwicklung waren zentral für Lehmanns Geschichte.
5.5.2 Konrad Bergmann: Landmusik nebenbei
Die Erzählung von Konrad Bergmann ist innerhalb der ersten Dimension die wich-
tigste negativ auf Kunst bezogene Erzählung.122 Seine Erzählung wird durch die
Referenz des Musizierens als Kunst – verglichen mit den Referenzen der anderen
Dimensionen – am besten erklärt.123 Bergmanns Erzählung ist daher am besten
geeignet, die zur zentralen Referenz der Kunst in Kontrast stehenden Erzählungen
exemplarisch darzustellen. Die 1996 im Selbstverlag publizierte Erzählung trägt
den Titel „Leben – Heimat – Arbeit. Der Rückblick des Oberdorfer Glasmachers
Konrad Bergmann“. Sie beschreibt auf 172 Seiten das Leben Bergmanns über eine
Reihe von Tätigkeitsfeldern: vor allem seine Arbeit als Glasmacher und sein Fami-
lienleben, aber auch Freizeitaktivitäten und anderes.
Konrad Bergmann wurde 1911 in Voitsberg (Steiermark/Österreich) geboren.
Sowohl sein Vater als auch seine Mutter arbeiteten in einer Glasfabrik. Bergmann
blieb sein Leben lang im Bezirk Voitsberg wohnhaft, wo auch seine musikalischen
Auftritte stattfanden. Musizieren nahm in Bergmanns Erzählung quantitativ nur
wenig Raum ein. Auf gerade sechs Seiten (in den ersten 76 Seiten der Erzählung, die
sein Leben vor 1938 behandeln) beschrieb er seine Mitgliedschaft in zwei verschie-
denen Musikkapellen sowie seine Tätigkeit als Tanzmusiker. Die Anforderung an
musikalische KünstlerInnen, ihr Leben ganz in den Dienst der Musik zu stellen und
dies durch eine entsprechende Gewichtung des Musizierens in der Lebensgeschichte
zu zeigen, wurde hier negiert. Davon zeugt etwa auch die Kapitelüberschrift „Nicht
nur Sport
– auch Musik“ 124: Musik wurde damit als bestenfalls gleichberechtigt mit
121 Ebd., 117.
122 Der Beitrag seiner Erzählung zur Varianz der ersten Dimension beträgt 2,7 Prozent der
Gesamtvarianz und ist damit etwa eineinhalbmal mal so hoch wie der durchschnittliche Bei-
trag zur Varianz.
123 Die erste Achse erklärt 14 Prozent (cos2) der Erzählung.
124 Bergmann, Leben, 41.
Kunst erzählen: Exemplarische Lebensgeschichten 137
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur