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die sich manche der Befragten in ihrem früheren Leben eingestellt hatten, die sie
aber wegen des durch den Weltkrieg erfolgten Umschwunges der Verhältnisse nicht
mehr ausüben konnten“ 7.
Diese beiden Verwendungs- und Verständnisebenen von Beruf sollen exempla-
risch für viele andere die Mehrdeutigkeit und teilweise Widersprüchlichkeit dieses
Begriffs zeigen. Wenn ich im Folgenden für die Beschreibung der zweiten Dimension
den Begriff Beruf verwende, so tue ich das in einer Bedeutung, die am ehesten mit
dem Begriff des Lebensberufs 8 charakterisiert werden kann. Zentral für den Lebens-
beruf waren das kontinuierliche Ausüben ein und derselben Erwerbstätigkeit sowie
das Fehlen anderer (Neben-)Erwerbstätigkeiten. Damit wurde Beruf nicht mehr als
gesellschaftlicher Auftrag und Berufung verstanden, beinhaltete aber dennoch mehr
als die Erwerbstätigkeit, die man zu einem gegebenen Zeitpunkt gerade ausübte. Ein
Lebensberuf konnte bzw. sollte nicht abrupt gegen einen anderen getauscht werden.
Hatte man sich auf einen Beruf festgelegt, galt es, diesen ernsthaft weiterzuverfol-
gen. Dementsprechend wichtig war auch die Berufswahl. Diese Charakteristika des
Lebensberufes wurden nicht explizit definiert, Anleihen daran finden sich aber in
vielen zeitgenössischen Berufsratgebern und – bezogen auf die Tätigkeit des Musi-
zierens – in Stellungnahmen der Artisten- und der Musikergewerkschaften. Vor
allem letztere geben einen Einblick, was mit Lebensberuf gemeint war.9
Für die sozialdemokratische Musikergewerkschaft – den Österreichischen
Musiker verband – war Beruf ein zentraler Begriff für die Kategorisierung und
Hierarchisierung von Musizierenden. Erwerbsmäßiges Musizieren sollte nach ihren
Vorstellungen nur den BerufsmusikerInnen vorbehalten sein. In den Beschreibun-
gen von Musizierenden durch SchreiberInnen des Musikerverbandes wurde die
Nähe dessen, was diese unter Beruf verstanden, zum Lebensberuf deutlich. Der/die
BerufsmusikerIn wurde konstruiert als jemand, der, auf welchem Wege auch immer,
erwerbsmäßig zu Musizieren begonnen hatte und nun eine kontinuierliche Erwerbs-
biografie des Musizierens – und zwar nur des Musizierens – vorzuweisen hatte. In
starkem Kontrast dazu standen jene, die nur fallweise oder neben einer anderen
Erwerbstätigkeit musizierten. Sowohl zeitliche Kontinuität als auch das Fehlen von
zusätzlichen Erwerbsquellen zeichnete also den/die BerufsmusikerIn aus. Dabei
7 Ebd., 85 f.
8 Vgl. z. B. Fürlinger, Beruf, 1: „Jeder geistige und manuelle Arbeiter muß zu einer Tätigkeit
berufen werden, worin er nicht bloß seinen Erwerb, sondern seinen Lebensberuf findet.“;
Flesch, Berufskrankheiten, 198 ff.: „Dilettant […] ist derjenige, welcher sich für seine Kunst
besonders interessiert, ohne diese zu seinem eigentlichen Lebensberufe, zum Gegenstand
eines erschöpfenden Studiums zu machen.“
9 Für eine ausführlichere Behandlung der entsprechenden Stellungnahmen siehe Schinko,
Annäherungen.
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Einen Lebensberuf
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur