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wurde dieser/diese in den Stellungnahmen des Musikerverbandes meist nicht explizit
beschrieben. Die bloße Bezeichnung als BerufsmusikerIn wurde als inhaltlich aus-
reichend angesehen, um anzuzeigen, wer gemeint war und welche Stellung ihm/ihr
zukommen sollte. Breiterer Raum wurde denen gewidmet, die Musizieren nicht als
Beruf hatten: Den Militär- und BeamtenmusikerInnen, den „Wirthe[n] oder Leu-
te[n], die eigentlich Hausmeister, Hilfsarbeiter, Taglöhner und dergleichen sind“ 10,
den „Lehrlinge[n], Handwerksgesellen“ 11, den „Doktoren, Advokaten, Professoren
usw.“ 12. Diese waren eigentlich etwas anderes als Musizierende. Der (Haupt-)Beruf
charakterisierte den Menschen, an ihn wurde er gebunden. Offen blieb freilich, wie
man zum/zur BerufsmusikerIn wurde. Wenn auch vereinzelt die für viele andere
Verwendungen von Beruf zentrale Abfolge von Ausbildung und Erwerbstätigkeit
angesprochen wurde, so blieb der/die BerufsmusikerIn im Großen und Ganzen
doch eine statische Kategorie. Dies auch deshalb, weil ihr Nutzen in Zeiten hoher
Arbeitslosigkeit auch darin bestanden haben dürfte, bereits länger Musizierende –
bei denen sich die Frage nach ihrem Einstieg in den Beruf nicht mehr stellte – vor
Berufsfremden zu schützen. Nicht- BerufsmusikerInnen wurden zwar oftmals die
Fähigkeiten zum Musizieren abgesprochen,13 jedoch offengelassen, wie man diese
Fähigkeiten erlangen und damit Berufsmusiker/Berufsmusikerin werden konnte.
Auch in diesem Offenlassen der richtigen Ausbildung für den Musikerberuf stimmte
die Konstruktion des Lebensberufes mit den Erzählungen der zweiten Dimension,
die sich stark positiv auf Beruf bezogen, überein.
Die Konstruktionen der Musikergewerkschaften setzten die Erwerbsmäßig-
keit des Musizierens, das darin zentral war, als selbstverständlich voraus. Sowohl
berufsmäßiges als auch nichtberufsmäßiges Musizieren war für die Gewerk-
schaften nur insofern von Bedeutung, als es gegen Bezahlung stattfand. Formen
des Musizierens wie Hausmusik oder unentgeltliche Vereinsmusik wurden nicht
thematisiert. In Erzählungen, die sich stark positiv auf Beruf bezogen, spielte die
Erwerbsmäßigkeit des Musizierens hingegen oft keine Rolle. Eine Bezahlung für
10 Österreichische Musiker- Zeitung (1893), Nr. 2, 7.
11 Österreichische Musiker- Zeitung (1893), Nr. 4, 16.
12 Organisation der Land- bezw. Nichtberufsmusiker, in: Oesterreichische Musiker-
Zeitung.
Offizielles Organ des Oesterreichischen Musiker-
Verbandes 1922/7 – 8, 26.
13 Die Bezeichnungen für Nicht- BerufsmusikerInnen reichten etwa von „herbeigelaufenen
Pfuschern“ (Österreichische Musiker-
Zeitung (1927), Nr. 10, 53 – 54, hier 53) bis zu „wohl-
habenden Talentlosigkeiten und protegiertem Dilettantismus“ (Musikleben (1932), Nr.
1, 4).
Oder es wurde – auch von Seiten der ständestaatlichen Gewerkschaft – konstatiert: „Quali-
fikation haben die allermeisten
[…] zum Musikerberuf aus anderen Berufen Geflohenen nicht
aufzuweisen.“ (Der österreichische Musiker (1936), Nr. 11, 145 – 146, hier 145, Hervorhebung
im Original). Einen Lebensberuf haben 145
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur