Page - 156 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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moralischen Appellen und administrativen Vorgaben auf der einen Seite und dem
materiellen Druck, Unterhalt auch abseits des Berufes zu verdienen auf der ande-
ren Seite wurden Berufe und Nichtberufe miteinander kombiniert. Die Ausbildung,
die diese Kombination am besten repräsentierte, war jene der Lehre. In eine Lehre
zu gehen diente oftmals nicht nur der Ausbildung für eine spätere Berufslaufbahn,
sondern war auch eine Form der Ausbildung, die zum Unterhalt der Familie bei-
trug
– und sei es nur dadurch, dass nun ein Familienmitglied weniger ernährt werden
musste. Fest steht, dass das Verdienen von Lebensunterhalt – ob als Beruf oder als
Gelegenheitserwerb
– in den Erzählungen der dominierten Seite großen Raum ein-
nahm. Ob Arbeitstätigkeiten nun negativ („Diese Arbeit war mir aber zu schwer“ 53)
oder positiv bewertet wurden („Meine drei Jahre Lehrzeit gingen eigentlich gut und
rasch zu Ende“ 54), sie waren jedenfalls wichtig genug, um eine Bewertung zu ver-
dienen. Dasselbe gilt für die Bewertung der Berufsausbildung, die über Freude oder
über Ablehnung beschrieben wurde.
Der Kontrast zwischen der ununterbrochenen Berufsmusikerlaufbahn auf der einen
und der Strukturierung der Erzählung durch andere Unterhaltstätigkeiten auf der
anderen Seite stand auch in Zusammenhang mit den materiellen Chancen, die der
jeweilige Herkunftshaushalt bot. Musizieren als Beruf auszuüben bedeutete oftmals
eine längere und kostspielige Ausbildung, während derer nur wenige Möglichkei-
ten zum Verdienst des eigenen Lebensunterhalts gegeben waren.55 Eine Alternative
dazu boten zwar die „Lehrlingszüchtereien“, in denen die Auszubildenden während
ihrer Ausbildung bereits auftraten und Geld verdienten. Diese Form der Ausbildung
war jedoch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts – nicht zuletzt wegen
anhaltender Kritik an der Ausbeutung der Lehrlinge und den schlechten Arbeits-
bedingungen – bereits stark im Rückgang begriffen.56 Je nach Art des Musizierens
waren die Möglichkeiten, den Lebensunterhalt durch Musizieren zu verdienen, unter-
schiedlich gestaltet. Für die meisten Musizierformen galt, dass das Verdienen eines
kontinuierlichen Lebensunterhaltes alles andere als sicher war. Wie Irina Vana für
Berufe im Allgemeinen zeigt, war daher auch zur Erzeugung der Berufsmusiker-
laufbahn ein entsprechender Rückhalt im Herkunftshaushalt notwendig:
53 Gierer/Annerl- Gierer (Hg.), Franz Gierer, 17.
54 Felsinger, Schutzengerl, 15.
55 Eine Ausnahme bildeten Musizierende, deren Fähigkeiten bereits während ihrer Ausbildung
als dermaßen hoch eingeschätzt wurden, dass ihnen – vom Staat oder reichen GönnerIn-
nen
– die Kosten der Ausbildung und zeitweise sogar ihrer sonstigen Lebensführung erstattet
wurden. Hier spielte die in der ersten Dimension besprochene Referenz des Musizierens als
Kunst eine große Rolle.
56 Vgl. dazu Eckhardt, Zivil- und Militärmusiker, 26 ff.
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur