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Ich wollte immer ein Musikinstrument lernen und so ging ich hinein und da mir Herr
Schober preislich sehr entgegenkam, kaufte ich [die Gitarre]. Ich trug sie nachhause, wußte
aber genau, daß ich sie nicht in die Wohnung bringen durfte, denn mein Vater hätte dies
nicht geduldet. […] So versteckte ich sie in der Scheune. Wenn ich zur Gitarrestunde
ging, holte ich sie heraus und schlich mich hinter dem Haus vorbei, daß er mich nicht
sehen konnte.66
Diese Darstellung versuchte viel stärker, durch das Erzählen von Details und der
Vorgeschichte den Musikunterricht mit bestimmten Gefühlen und Eindrücken zu
verbinden. Die bloße Erwähnung des Musizierens wäre in einer derartigen Erzäh-
lung von geringer Bedeutung (und hätte etwa auch dem Motiv, durch die Erzäh-
lung zu unterhalten, widersprochen). Hingegen reichte sie für die Berufsbiografie
aus, denn der Lebensberuf beruhte stark auf dem Nachweis, dass (und wo) konti-
nuierlich musiziert wurde.
Während die ErzählerInnen mit negativem Bezug auf Beruf das Motiv für das
Verfassen ihrer Lebensgeschichte – sei es die Unterhaltung der Lesenden oder die
Erinnerung an Vergangenes – thematisierten, blieb dieses in den Berufsbiografien
unerwähnt. Es schien auch nicht notwendig zu sein: Den eigenen Beruf
– und viel-
leicht besonders den Musikerberuf
– darzustellen, schien mehr Sinn zu machen bzw.
weniger Nachfragen ausgesetzt zu sein, als die ganze Lebensgeschichte inklusive
‚unbedeutender‘ Details wie familiärer Ereignisse zu thematisieren.67 In unterschied-
lichen Erzählkontexten – bei der Arbeitsvermittlung, bei ArbeitgeberInnen etc. –
wurde die Darstellung der eigenen Berufsbiografie gefordert oder erwartet, während
das Verfassen der ‚restlichen‘ Lebensgeschichte der Rechtfertigung bedurfte. Erst
einige Jahrzehnte später erlangte das Verfassen detaillierter Lebensgeschichten von
Personen, die der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt waren, eine gewisse „Norma-
lität“, was sich in den unterschiedlichen Entstehungszeiträumen 68 von Berufs- und
Nichtberufsbiografien zeigt.
Die Abfassung einer Berufsbiografie lag den Alltagserfahrungen der meisten Men-
schen im Untersuchungszeitraum näher als die Entwicklung einer ‚ganzheitlichen‘
Lebensgeschichte. Die Berufsbiografie war demgemäß nicht nur stärker legitimiert,
sie konnte auch auf bereits bekannte Schemata des Erzählens zurückgreifen. Die
66 Gierer/Annerl- Gierer (Hg.), Franz Gierer, 19.
67 Davon ausgenommen waren natürlich die Künstlermemoiren, in denen Privates durchaus
vorkommen durfte, entsprechende Popularität beim breiten Publikum vorausgesetzt.
68 Dieser Aspekt wird durch die Modalitäten Entstehung der Erzählung nach 1980 (auf der
dominierten Seite) bzw. Entstehung der Erzählung zwischen 1945 und 1960 (auf der domi-
nanten Seite) dargestellt.
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur