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verwendeten Begriffe (wie jener der „Stelle“) und die Struktur der Erzählungen ver-
wiesen vor allem auf Vorbilder wie die durch die staatliche Bürokratie produzierten
Darstellungen des Berufslebens eines Individuums. Darüber hinaus sind die Kon-
texte, in denen eine Erzählung produziert und aufbewahrt wurde, aufschlussreich:
Berufsbiografien finden sich unter anderem in der Musiksammlung des Vorarlber-
ger Landesarchivs, Erzählungen mit negativem Berufsbezug in der Dokumentation
lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen (DOKU). Die Musiksammlung forderte
„für die Vorarlberger Musikgeschichte bedeutsame Personen“ zum Verfassen ihrer
Lebensgeschichte auf. In diesem Erzählkontext wurden sowohl Personen mit konti-
nuierlicher musikalischer Tätigkeit ausgewählt als auch deren Musizieren als zentrale
Strukturierung der Erzählung eingefordert. Die DOKU hingegen sammelte Erzäh-
lungen von Personen, ohne einen expliziten Bezug zu deren Musizieren herzustellen.
Dient der Lebensberuf als zentrale Referenz der Dimension, so wäre es angesichts
der Zusammenhänge von Beruf und Qualifikation zu erwarten, dass Unterschiede
in den jeweils absolvierten musikalischen Ausbildungen eine wichtige Rolle einneh-
men würden. In meiner Konstruktion des Lebensberufes sind Unterschiede zwischen
den Ausbildungen der Erzählenden von Berufsbiografien und von Erzählungen mit
negativem Berufsbezug jedoch nur von untergeordneter Wichtigkeit. Berufsmusi-
kerInnen absolvierten eine Ausbildung in Akademie oder Konservatorium, während
bei Nicht- BerufsmusikerInnen das Fehlen einer musikalischen Ausbildung erwähnt
wurde. Dieser Kontrast ist aber im Vergleich mit anderen Modalitäten wenig wich-
tig.69 Es zeigt sich, dass die Berufsförmigkeit der Lebensgeschichte viel stärker
über bereits beschriebene Charakteristika wie das Weglassen nicht- musikalischer
Themen oder die (Nicht-)Strukturierung nach anderen Unterhaltstätigkeiten kons-
tituiert wurde als über die Art der Ausbildung. Ein Königsweg zum Musikerberuf
kann in den autobiografischen Erzählungen nicht ausfindig gemacht werden. Das
autodidaktische Aneignen musikalischer Kenntnisse findet sich in Berufsbiografien
ebenso wie der Besuch musikalischer Hochschulen oder das Studium bei berühmten
MusikerInnen in Nicht- Berufsbiografien.
Die jeweils unterschiedlichen Bezüge auf den Lebensberuf lassen sich auch an
den Bezugnahmen auf gesamtgesellschaftliche Themen nachvollziehen. Armut und
Arbeitslosigkeit wurden – in einer Zeit, in der sie alltägliche Phänomene waren –
in den Berufsbiografien nicht erwähnt. Sehr wohl thematisiert wurde allerdings
der Zusammenhang zwischen dem Aufkommen mechanischer Musik (d. h. der
69 Der CTR-Wert der Modalität keine Ausbildung beträgt etwa ein Viertel jenes der wichtigs-
ten Modalität der dominierten Seite, der CTR-Wert der Modalität Konservatorium beträgt
zwischen einem Drittel und einem Viertel jenes der wichtigsten Modalität der dominan-
ten Seite. Der Lebensberuf als kontinuierliches und ausschließliches Musizieren 161
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur