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6.2.2 Franz Gierer: Musizieren ohne Plan und Ziel
Die Erzählung von Franz Gierer nimmt innerhalb der zweiten Dimension die
wichtigste negativ auf Beruf bezogene Position ein.93 Zudem wird seine Erzählung
durch die Referenz des Lebensberufes
– verglichen mit den Referenzen der anderen
Dimensionen – am besten erklärt.94 Sie ist daher geeignet, die zur zentralen Refe-
renz des Lebensberufes in Kontrast stehenden Erzählungen zu repräsentieren. Die
von Gierer ab 1995 auf Tonband gesprochene Erzählung wurde von seinen Töch-
tern im Selbstverlag herausgegeben. Unter dem Titel „Meine Lebenserinnerungen“
beschrieb Gierer Ereignisse von seiner Kindheit bis hin zum Ruhestand, wobei er
vor allem in den späteren Kapiteln die Erzählung stark durch seine Berufstätigkeit
als Baumeister strukturierte.
Franz Gierer wurde 1906 in Pöchlarn (Niederösterreich/Österreich) geboren.
Beide Eltern waren Landarbeiter mit einer kleinen Landwirtschaft. Gierer musizierte
sporadisch, meist innerhalb von Österreich. In Franz Gierers Erzählung nahmen
nicht- musikalische Arbeits- und Unterhaltstätigkeiten großen Raum ein. Schon auf
den ersten Seiten, in denen er seine Kindheit beschrieb, fanden sich unterschied-
liche Arbeitstätigkeiten:
„Wir Kinder mußten am Feld und im Haus mitarbeiten […] Wenn ich einem Nachbarn
half, bekam ich ein Stück Brot oder ein Schmalzbrot und ein paar Kreuzer.“ 95
„Ab und zu ging ich auch von der Schule weg auf einen Acker, wo Mutter arbeitete. Sie
brachte uns das Essen dorthin mit und wir mußten anschließend noch Feldarbeiten ver-
richten, bis es dunkel wurde.“ 96
Das frühe Mithelfen und Mitarbeiten wurde von Gierer in einen Zusammenhang
gestellt mit Beschreibungen von Armut und Mangel in seiner Kindheit:
„Meine Eltern, Leopold und Josefa, waren aus ärmlichen Verhältnissen und als Landarbei-
ter tätig. […] Das Haus stand auf einem Hang. Bei starkem Regen drang öfters Wasser
durch die Mauern, sodaß sich am Fußboden Lachen bildeten.“ 97
93 Der Beitrag seiner Erzählung zur Varianz der zweiten Dimension beträgt 11,9 Prozent
der Gesamtvarianz und ist damit etwa sechsmal so hoch wie der durchschnittliche Beitrag
zur Varianz.
94 Die zweite Achse erklärt 26 Prozent (cos2) der Erzählung.
95 Gierer/Annerl- Gierer (Hg.), Franz Gierer, 12.
96 Dies., 15.
97 Dies., 11.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur