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Ebenso wurden „Ausdauer und rastloses eigenes Weiterstreben“ 15 im Handwör-
terbuch der Arbeitswissenschaft als Eignungsbedingungen für den Musikerberuf
genannt. Das derart beschriebene Ensemble von Eigenschaften, das mit dem Musi-
zieren in Zusammenhang gebracht wurde, stand in enger Nähe zur Orientierung
des ernsthaften Studiums. Die Konzentration auf die musikalischen Fähigkeiten
und die Bereitschaft zu Opfern für das Ziel der musikalischen Weiterentwicklung
waren wichtige Bestandteile dieser Orientierung. Den Kontrast zum ernsthaften
Studium stellten jene dar, die als EnsemblemusikerInnen ihren Verdienst hatten,
ohne sich die nötigen technischen Grundlagen angeeignet zu haben und die diesen
Mangel auch nicht bemerkten: „Einmal in diesem Fahrwasser, sind sie für ernst-
haftes musikalisches Studium verloren.“ 16 Ernst oder Ernsthaftigkeit in der Musik
standen aber nicht nur im Gegensatz zu mangelnden Fähigkeiten. Sie konnten –
vor allem in der Kunst
– auch zur Positionierung gegenüber jenen dienen, die zwar
musikalische Fähigkeiten, nicht aber den nötigen „Respekt“ vor dem Musizieren und
musikalischen Werken hatten bzw. sich nicht genügend auf die Musik „einließen“:
Es kann nicht oft genug gesagt sein: ernste künstlerische Arbeit allein sei das Ziel und
der Zweck aller Kunstübung, alles andere nur Mittel. […] Und welche Möglichkeiten
tauchen nicht in naher und ferner Zukunft aus diesem Traumgebilde [der Reform des
Konzertwesens, G. S.]?
[…] 4. Die heute leider so notwendige Erziehung neuer Kreise zu
ernster Kunstausübung an Stelle des Genusses schalen Virtuosentums 17
Dieser Gegensatz zwischen jenen, die (künstlerische) Musik um der Musik willen
betrieben, und jenen, für die Musik ein Mittel war, um zu Ruhm und Geld zu kom-
men, wird im Vergleich mit dem populären Erfolg als einer weiteren Orientierung
noch näher behandelt. In jedem Fall gingen mit der Orientierung des ernsthaften
Studiums rechtliche Absicherungen, die für andere Arten, durch Musik ein Fort-
kommen zu finden, nicht galten,18 sowie
– im Vergleich zu anderen Musizierenden
–
hohe und vertraglich abgesicherte Verdienste 19 einher.
15 Schwitzky, Musiker, 3383.
16 Oesterreichische Musiker- Zeitung (1925), Nr. 4 – 5, 20 – 21, hier 21.
17 Musikalischer Kurier (1920), Nr. 48, 446 – 447, hier 447 (erster Teil des Aufsatzes in Musika-
lischer Kurier (1920), Nr. 47, 438 – 439).
18 So wurde etwa im Angestelltenversicherungsgesetz von 1928 „die Ausübung der freien Künste“
als eine der Tätigkeiten, die zur Versicherung berechtigten, genannt. Der Zusatz „ohne Rück-
sicht auf den Kunstwert der Leistungen“ bedeutete
– wie die Praxis der Arbeitsgerichte zeigt
–
nicht, dass jedes Musizieren unter dieses Gesetz fiel.
19 Vgl. etwa das Unterkapitel „Musizieren in Zahlen“ in Kapitel 2.
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Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur